+++ Hier finden Sie besinnliche Texte oder die Predigt vom letzten Sonntag zum Nachlesen. +++
Hier finden Sie einige unserer letzten Predigten und Texte zum Nachlesen. Die Rechte liegen hierbei immer beim jeweiligen Autor (jeweils unter dem Text angegeben).
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Liebe Gemeinde!

Na, Herr Pfarrer, was machen denn ihre Schäfchen?“

Diese Frage bekomme ich auf Besuchen, bei Ein-weihungen, sowie in Gesprächen verschiedenster Art schon seit Jahrzehnten zu hören. Ganz gleich, aus welchen Motiven mir diese Frage gestellt wird, ob aus Höflichkeit oder, um ungezwungen ein Ge-spräch zu beginnen oder aus wirklichem tieferem Interesse über meine Erfahrungen im Beruf: Das Bild von dem Hirten und seiner Schafherde ist bei vielen Menschen bis heute weit verbreitet, wenn es um „Kirche“ geht. Die Kirche, das ist der Herr „Jesus“, der seine Gläubigen wie Schafe auf einer saf-tigen grünen Wiese weiden lässt. Der Pfarrer oder die Pfarrerin, als die von Jesus besonders Beauftragten, kümmern sich um die Herde Gottes sozusagen als „Unterhirten“. Noch in der Generation meiner Großeltern gab es kaum ein Schlafzimmer, in dem nicht ein gemal-tes, gesticktes oder geschnitztes Bild von Jesus als „Gutem Hirten“ über dem Bett hing. In ländlichen Regionen trifft das auch noch regelmäßig auf die Generation meiner Eltern zu. Ich gebe zu, in unserem eigenen Schlafzimmer hängt kein guter Hirte. Aber das Bild des Guten Hirten ist auch noch in meiner Generation präsent. Und ich muss sagen, dass ich die Vorstellung von Gott als „Guten Hirten“ schon immer geliebt habe. Ich freue mich, wenn ich auf meinen Spaziergängen oder Wanderungen eine echte Schafherde mit Hirten treffe. In unserer Gegend hat man da ja noch recht gute Chancen …. Das Bild von der Herde mit dem Hirten, es strahlt Frieden aus - und das Gefühl der Geborgenheit. Und überhaupt: Als Ehemann einer Frau, die be-geistert Wolle spinnt und der in der Pfarrwohnung gefühlt auf Schritt und Tritt an einem Spinnrad, einer Kardiermaschine, einer Spindel, einem Wollwaschbottich oder an einem sonstigen Gerät im Zusammenhang mit dem Spinnen vorbeikommt, der muss doch ein positives Verhältnis zu Schafen und Hirten haben, oder?

Na, Herr Pfarrer, was machen denn ihre Schäfchen?

Um noch einmal auf die Frage vom Anfang zurückzukommen: Vielleicht fragen Sie sich, was denn der Herr Pfarrer in der Regel darauf antwortet …. Nun, in der Praxis fallen meine Antworten ver-schieden aus. Meine ehrlichste Antwort müsste aber so lauten: „Na ja, meine Schafherde ist inzwischen ein recht komplexes Gebilde geworden.“ Das klingt jetzt nicht besonders begeistert, ent-spricht aber schon der aktuellen Situation. Seit der Zeit meiner Großeltern und Urgroßeltern ist unsere Welt eine ganz andere geworden.

In diesem Zusammenhang muss ich immer daran denken, was der Grundschullehrer meiner Tochter gerne über seine Klasse gesagt hat: „Ich gehe jetzt und unterrichte meine 24 Individualis-ten.“ Unsere Welt ist komplex und unübersichtlich ge-worden. Und die Menschen haben sich passend da-zu entwickelt: Individualisierung ist das Schlagwort, das einem auf Schritt und Tritt begegnet. So schön und wichtig es ist, wenn Menschen als Indi-viduen, als unverwechselbare einzigartige Geschöpfe Gottes wahrgenommen werden. Eine Herde aus 20 oder mehr unterschiedlichsten Einzelwesen zu haben, ist eine richtige Herkulesaufgabe. Das gilt für Schulklassen, das gilt für Kindergarten-, Konfirmanden- und Jugendgruppen, und es gilt natürlich auch für die „Herde“ einer Kirchengemeinde. Dementsprechend anspruchsvoll ist die Aufgabe für einen Hirten geworden. Allein schon das klassi-sche Berufsbild eines Schäfers ist ja nicht ohne.

Auf einer Schweizer Homepage zum Berufsbild eines Hirten, steht unter den „Voraussetzungen“ folgendes: „Hauptsache ist die Freude und die Neu-gier am Umgang mit den Tieren, sowohl mit den Hunden wie auch mit den Schafen. Dazu kommt Verantwortungsbewusstsein, allgemeine Naturverbundenheit, ein wenig Abenteuerlust, Freiheitsliebe – und keine Angst vor einsamen Nebeltagen.“ Vieles von dem, was ich da vorgelesen habe, gilt meiner Meinung nach auch für den Pfarrer oder die Pfarrerin als Hirten: Freude und Neugier (im positi-ven Sinne!) im Umgang mit den uns anvertrauten Menschen, Verantwortungsbewusstsein, Abenteuerlust, Freiheitsliebe - und auch eine gewisse Einsamkeit, obwohl man mit so vielen Menschen Kontakt hat. Das alles sollte man schon im seelischen Reisegepäck mit dabeihaben, wenn man ein Pfarrer werden will. Wenn nun die Herde aber so komplex und indivi-dualistisch veranlagt ist, wie in unseren Tagen. dann steht man vor echten Herausforderungen. Unsere Kirche steht aufgrund der gesellschaftlichen Umwälzungen vor großen Veränderungen, – längst auch im ländlichen Bereich. Und wir Pfarrer stehen mittendrin im Fluss der Zeit. Dazu kommt, dass auch wir Hirten nicht fehlerlos und zahlreichen Versuchungen ausgesetzt sind.

Das war übrigens zu Zeiten der Bibel nicht anders, als heute. Die Propheten im Alten Testament zum Beispiel rügten immer wieder die Herrschenden in Israel, die Könige, Beamten und Priester, wenn sie die Herde Gottes vernachlässigten. Ein Beispiel für eine solche Rüge ist der für den heutigen Sonntag vorgesehene Predigttext. Wir finden ihn beim Propheten Hesekiel im 34. Kapitel:

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Du Men-schenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Her-de weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemäs-tete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt. Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß gewor-den und zerstreut. Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder auf sie ach-tet. So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit ma-chen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zu-rückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. Ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.“

Liebe Gemeinde! Die weltlichen Hirten Israels haben also versagt. Der Prophet Hesekiel beschreibt das ganz scho-nungslos: In die eigene Tasche haben sie gewirtschaftet, die Hirten Israels, die Könige und andere Mächtige. Sie haben sich selbst an der Herde bereichert. Das Ergebnis dieses Missbrauchs an Ver-trauen und Verantwortung war der politische Nie-dergang Israels bis hin zur Katastrophe, der Erobe-rung des Landes durch die Babylonier. Die Herde ist also zerstreut, orientierungslos - und von allen verlassen.

Was aber nun im Predigttext kommt, das finde ich beeindruckend. Gott sagt nicht: So, das geschieht euch recht. Das habt ihr euch selbst eingebrockt, jetzt löffelt die Suppe auch aus. Nein, Gott erklärt das Hirtenamt gewissermaßen zur „Chefsache“. Gott sagt: „Wenn mein Personal das mit dem Hü-ten der Schafe nicht hinbekommt, dann muss ich das selbst übernehmen.“ Im Anschluss daran ent-wirft der Prophet ein wunderbares Hoffnungsbild von üppigen Weiden und von einem Volk, das wieder zueinander findet. Denn Gott sucht das Verirrte und Verlorene. Bei diesen Worten wird natürlich sofort die Erinne-rung wach an das berühmte Gleichnis vom „Verlo-renen Schaf“. Unser Gott ist ein Gott, der das Ver-lorene sucht. Unser Gott ist ein Gott, der selbst Hand anlegt, wenn die beauftragten Unterhirten ihre Hausaufgaben nicht ordentlich machen. Dazu wird Gott selbst Mensch. Und logischerweise wurde Jesus dann auch zum Inbegriff des „Guten Hirten“.

Liebe Gemeinde! Im Jahr 2021 nach Christi Geburt wirkt unsere Herde zerstreuter denn je. Die Gesellschaft erscheint als eine in sich zerstrittene Ansammlung von Einzelpersonen. Die Corona-Krise macht auch diese Tendenz umso deutlicher. Das Christentum derweil ist aufgespalten in unzählige Konfessionen, Freikirchen und Sekten. Inner-halb der Kirchen gibt es eine Vielzahl von Fröm-migkeitsformen und Interessen. Und immer mehr fragen sich: „Was bringt es mir, wenn ich Mitglied bei dieser Kirche bin?“ Die Hirten, also die hauptamtlichen und ehrenamt-lichen Mitarbeiter, sie mühen sich redlich, fühlen sich aber oft überfordert und machen natürlich Fehler. Da empfinde ich es wohltuend, was uns unser Predigttext mit auf den Weg in die Woche gibt: Mach dir keine Sorgen um unsere Kirche. Mach dir keine Sorgen, wenn in der Kirchengemeinde vieles nicht mehr so ist wie früher. Mach dir keine Sorgen, wenn die Kirchen leerer werden. Natürlich lässt uns diese Entwicklung nicht kalt, das soll es auch nicht. Ja, unsere Kirche steckt in einer Krise, - aber nicht in einer Katastrophe. Vor allem aber hat unsere Kirche ihren Hirten. Und dieser Hirte sucht das Verlorene, das Verirrte, das Verstreute und Verwundete. Zweifellos erleben Menschen auch in der Kirche ihre Enttäuschungen. Natürlich gibt es auch in einer Kirchengemeinde Verwundungen und Streit. Aber Gott verlässt seine Kirche nicht. Und er verlässt dich nicht. Und wenn du enttäuscht, vereinsamt oder verwundet bist, dann wird er dich aufsuchen und dich heilen.

Liebe Gemeinde! Wenn sie mich fragen, welches Gesicht unsere evangelische Kirche oder die Kirchengemeinde Neustadt am Kulm in 20 Jahren hat, dann muss ich ehrlicherweise sagen: Ich weiß es nicht. Wir stecken als Gläubige und als Kirchgänger mittendrin in einem Abenteuer. Wir stecken mittendrin in einem Prozess, dessen Ausgang wir jetzt nicht absehen können. Aber das Drehbuch zu diesem Abenteuer schreibt Gott selbst. Dieses Drehbuch ist nicht ohne Drama-tik. Den Höhepunkt haben wir erst vor zwei Wo-chen an Karfreitag und Ostern wieder hautnah miterlebt. Auch in unserer Kirche muss erst etwas sterben, damit etwas auferstehen kann. Aber Gott der selbst dieses Drehbuch geschrieben hat, er sagt: „Ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein.“ Verlassen wir uns auf unseren „Oberhirten“ Jesus Christus in diesen schwierigen Zeiten, in denen sich alles so radikal wandelt. Amen.

 

Pfarrer Hartmut Klausfelder

Dein König kommt in niedern Hüllen,

hn trägt der lastbarn Es’lin Füllen,

empfang ihn froh, Jerusalem!

Trag ihm entgegen Friedenspalmen,

bestreu den Pfad mit grünen Halmen;

so ist’s dem Herren angenehm.

Dein Reich ist nicht von dieser Erden,

doch aller Erde Reiche werden

dem, das du gründest, untertan.

Bewaffnet mit des Glaubens Worten

zieht deine Schar nach allen Orten

der Welt hinaus und macht dir Bahn.

(Evangelisches Gesangbuch Nr. 14,1+3)

Liebe Gemeinde!

Palmsonntag. Jesus zieht in Jerusalem ein. Wie ein König wird er empfangen mit Palmenzweigen. Jesus kommt. Und er kommt in niederen Hüllen. Die äußere Hülle schaut recht bescheiden aus: keine strahlende Ritterrüstung, kein Schwert. Nicht einmal hoch zu Ross erscheint der König der Welt, sondern auf einem Esel, auf einem Lasttier. Freilich können wir sagen: „Der Schein trügt.“ Die Armseligkeit, in der Jesus in Jerusalem einzieht, ist eben nur die äußere Hülle. Aber wir Menschen sind nun einmal auf unsere Augen fixiert. Unsere Augen sind für die allermeisten Zeitgenossen das wichtigste Sinnesorgan. Dementsprechend viel geben wir auf den äußeren, den sichtbaren Eindruck.

Freilich steckt in dem sichtbaren Bild des Königs auf einem Esel auch eine ganz wichtige Aussage: Der Esel ist ein Lasttier, ein Tier, dessen Aufgabe es ist, Lasten zu tragen. Jesus ist nicht gekommen, um auf einem hohen Thron zu sitzen und aus der erhabenen Distanz die Welt zu regieren. Jesus ist gekommen, um unsere Lasten zu tragen, um nahe bei uns Menschen zu sein. Gerade die Schwachen, gerade diejenigen, die viel Leid zu ertragen habe, gerade für die ist er da. Es sind die Menschen, die Leid tragen, die schwer krank sind, die im Sterben liegen, die in Jesus am Kreuz ihren Bruder erkennen. Dem erfolgsverwöhnten Siegertypen bleibt der Messias am Kreuz fremd. Jesus ist gekommen, um die Menschen aufzurichten, die ganz unten sind, die dringend Hilfe und Stärkung brauchen. Diese Stärkung kommt nicht mit große Showeffekten, nicht mit Donner, Glanz und Gloria, sondern in einer ganz einfachen Verpackung, in einer „niederen Hülle“.

Wohl dem Menschen, der sich herablässt, dieses einfache Geschenkpaket, das Gott uns zu Ostern schickt, anzufassen und aufzumachen. Das unscheinbare Geschenkpaket Gottes an die Menschheit trägt einen Namen: Jesus. Und wer es aufmacht, der wird reich belohnt: Er findet Kraft, Stärkung, Glück und Frieden. Liebe Gemeinde! Es ist der Glaube, der hinter die äußere Hülle schaut. Es ist unser Glaube, der hinter die Kulissen schaut. Unser Glaube macht Mut, gegen allen Augenschein zu vertrauen, zu lieben und zu hoffen. Es ist der Glaube, der nach innen schaut, auf das, was man nicht sieht.

Diesen Blick des Glaubens hinter die Kulissen, diesen Blick nach innen, wählt auch der Predigttext, der für den heutigen Palmsonntag vorgesehen ist. Ich lese den ersten Teil des Predigttextes, aufgezeichnet im Hebräerbrief, im 11. Kapitel:

„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Durch diesen Glauben haben die Vorfahren Gottes Zeugnis empfangen. Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme.

Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Sarah, mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.“

Liebe Gemeinde! Der Glaube lehrt uns eines: Nicht auf den „Augenschein“ zu vertrauen. Stattdessen lohnt es sich, auf Gottes Plan zu vertrauen und sich nicht von Zweifeln überwältigen zu lassen.

Von dem amerikanischen Schriftsteller Henry D. Thoreau stammt folgendes Zitat: „Was vor uns liegt und was hinter uns liegt, ist nichts im Vergleich zu dem, was in uns liegt. Wenn wir das, was in uns liegt, nach außen in die Welt tragen, dann geschehen Wunder.

Im Augenblick schauen viele Menschen auf das, was hinter ihnen liegt und was sie noch vor sich haben: Hinter uns liegt derzeit die lange Durststrecke mit Lockdowns, Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren. Vor uns liegt noch ein weiter Weg mit dem Corona-Virus, von dem niemand wirklich sagen kann, wie lange er ist und wo er genau hinführt. Dieser Blick nach vorne und hinten nimmt uns verständlicherweise gefangen, prägt unser Leben seit mehr, als einem Jahr. Und der dauernde Blick auf Inzidenzzahlen, Neuinfektionen und Sterbefälle mit Corona macht viele von uns müde und mutlos, manche auch aggressiv. Andere sind einfach nur noch genervt …

Als Christen haben wir eine Alternative zu diesem frustrierenden Teufelskreis: Wir können nach innen schauen, auf die innere Stimme hören. Ich bin überzeugt, wenn wir nach innen schauen, wenn wir in uns gehen, dann hören wir die Stimme Gottes. Wir Christen nennen dieses „In-Uns-Gehen“ auch „Buße“. Dazu sind wir alle eingeladen in diesen Wochen der Passions- und Fastenzeit. Ich sage es immer wieder: Buße heißt nicht, dass ich mich noch tiefer in den Staub hineindrücken lassen muss, noch demütiger werden, mich noch mehr quälen muss. Buße heißt vor allem: Perspektivwechsel. Schau nicht auf das Äußere. Das frustriert nur. Schau nach innen und höre auf Gott. Das schenkt Hoffnung und Zuversicht. Das gibt Kraft in schwerer Zeit.

Der Erzvater Abraham hat es auch so gemacht. Er hat gegen allen Augenschein auf Gott vertraut und sich auf ein Abenteuer eingelassen, ist umgezogen in ein fremdes Land und hat die scheinbaren Sicherheiten seiner Existenz aufgegeben. Und die Kraft dafür, die hat er aus dem Glauben geschöpft, aus dem Blick nach innen.

Liebe Gemeinde! Ein Missverständnis müssen wir an dieser Stelle ausraumen: Der Glaube lehrt den Blick nach innen, der Glaube macht still, lädt ein zur Besinnung auf sich selbst. Aber der Glaube lehrt keine verträumte Weltflucht. Das hat der Verfasser des Hebräerbriefes ein Kapitel weiter betont. Hören wir den zweiten Teil des für heute vorgesehenen Predigttextes. Ich lese aus dem Hebräerbrief den Beginn des 12. Kapitels:

„Wir sind also von einer Wolke von Zeugen umgeben. Darum lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.“

Liebe Gemeinde! Glaube ist immer beides: Besinnlichkeit und aktives Handeln, In-Sich-Gehen und mutiges Zupacken, stilles Gebet und lautes Bekennen.

Dabei kann der Weg des Glaubens durchaus auch zum Kampf werden. Nur sind die Waffen dieses Kampfes andere, als wir das im Alltag kennen. Christen kämpfen nicht mit den Fäusten und versprühen kein Gift unter den Leuten. Aber Christen sagen „Nein“, wo es nötig ist und gehen mit gutem Beispiel voran, wenn sich andere nicht trauen oder zu müde sind. Kämpfen heißt auch, dass uns Gott schon einiges aushalten lässt und manchmal gewaltig viel zumutet. Als Christen dürfen wir uns aber auch nicht alles gefallen lassen.

In diesem Zusammenhang finde ich es richtig und angemessen, dass sich die Kirchen dieses Mal gegen den Druck von staatlicher Seite gewehrt haben, Ostergottesdienste in Präsenz grundsätzlich abzusagen. Für dieses „Nein“ werden wir zwar in den sozialen Medien schon wieder kräftig kritisiert. Manche Kritik kann ich persönlich nachvollziehen anderes ist einfach nur ärgerlich und unterirdisch. Aber nach Abwägung aller Argumente hat sich auch hier in Neustadt am Kulm der Kirchenvorstand entschlossen, Ostergottesdienste an den Feiertagen in Präsenz abzuhalten. Wir haben das Gottesdienstprogramm merklich reduziert, feiern nur am Karfreitag und Ostersonntag. Wir feiern das Heilige Abendmahl in anderer Form als gewohnt, um weniger Kontakt zu haben. Aber wir feiern. Wir feiern in und vor den Kirchen, weil viele Menschen genau das brauchen. Und die, die es nicht brauchen, oder die einfach zu große Bedenken haben, dürfen ohne schlechtes Gewissen zu Hause bleiben. Aber wir lassen uns Gottesdienste nicht verbieten, weil wir es in der jetzigen Situation verantworten können und weil wir wissen, dass jeder Besucher, jede Besucherin vorsichtig ist und sich an unser Hygienekonzept hält. Das gemeinsame Feiern in der Kirche tut trotz FFP-2-Maske und Gesangsverbot immer noch unbeschreiblich gut. Und darum bekennen wir uns mutig zu unseren Gottesdiensten.

Manchmal ist der Glaube auch ein Kampf, ein innerer und ein äußerer Kampf. In diesem Kampf ist vor allem eines wichtig: Der Blick auf Christus. Auf Christus am Kreuz. Der Glaube schaut nicht nur nach innen, er geht auch auf andere Menschen zu und übernimmt Verantwortung für die Welt und in der Welt. In Jesus ist Gott auch auf die Menschen zugegangen. Ein ganz starkes Bild dafür ist das Evangelium des heutigen Palmsonntages: Jesus zieht in Jerusalem ein. Er geht am Passafest dahin, wo die Menschen sind. Er geht zu den Menschen, die Gottes Nähe besonders dringend brauchen. Jesus begibt sich mit seinem Einzug in Jerusalem auch in die „Höhle des Löwen“, wohl wissend, was ihm bevorsteht. Jesus hatte den Mut, seinen Weg zu gehen, weil er seinen Vater an seiner Seite wusste.

Lasst uns auf Jesus Christus schauen, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Lasst uns auf Christus schauen, wenn wir Mut brauchen, etwas durchzuziehen oder wenn uns etwas bedrückt. Dieser Blick auf Christus schenkt Kraft. Und dann geht voller Vertrauen eure Wege.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Pfarrer Hartmut Klausfelder

Liebe Gemeinde!

Der Predigttext für den heutigen Sonntag stammt aus dem Buch Hiob.

Das Buch Hiob hat ja eine ganz interessante Entstehungsgeschichte: Das erste und letzte Kapitel dieses Buches ist in Prosa abgefasst und trägt stilistisch die Züge eines Märchens. In diesem Märchen werden wir Zeugen, wie Gott mit dem Satan eine himmlische Wette abschließt. Der Inhalt dieser Wette ist folgender: Wenn der Teufel dem wohlhabenden Hiob alles nimmt, was ihm lieb und teuer ist, seine Frau, die Kinder, seine Gesundheit, seinen Besitz, dann wird Hiob vom Glauben an Gott abfallen.

Die knapp 40 Kapitel dazwischen haben die Form eines Gedichtes. Sie schildern die Gespräche von Hiob mit drei Freunden. Hiob zeigt sich in die diesen Kapiteln dazwischen gezeichnet. Er ist gezeichnet von Krankheit, von Klage und Trauer. Er, der einst wohlhabende und erfolgreiche Familienvater und Viehzüchter, hat alles verloren. Im Gespräch mit den Freunden verarbeitet Hiob sein Schicksal, und er reflektiert, was die vielen Schicksalsschläge für ihn bedeuten. Eine der Schlüsselstellen in diesen langen Gesprächen ist der heutige Predigttext. Ich lese aus dem Buch Hiob im 19. Kapitel:

„Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch? Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen! Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.“

Liebe Gemeinde! Da fühlt sich Hiob also im wahrsten Sinne des Wortes „von allen guten Geistern verlassen.“ Hiob macht die bedrückende Erfahrung, die wir alle gut kennen: Hast du Geld, bist du erfolgreich und gesund, dann geben sich die Freunde und Bekannten die Türklinke in die Hand. Du bist ein begehrter Mann, eine beliebte Frau. Kommst du dagegen aus der Erfolgsspur, dann stehst du ganz schnell alleine da. Ja, nicht nur, dass plötzlich alle die Straßenseite wechseln, wenn sie dich sehen. Auf einmal wirst du zur Zielscheibe von Klatsch und Tratsch. Manchmal wirst du auch angefeindet. Genauso scheint es Hiob auch ergangen zu sein: Hiob fühlt sich alleingelassen. Von den guten Mächten, von allen guten Geistern alleingelassen. Aber, er zeigt sich kämpferisch, - obwohl er nur noch Haut und Knochen ist. Hiob hat alles verloren, aber aufgegeben hat er sich noch nicht. Darum bittet er die drei Freunde, die ihn besuchen, um Unterstützung.

Gut so. Von unserem ehemaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss stammt der Satz: „Es ist keine Schande hinzufallen, aber es ist eine Schande, einfach liegenzubleiben.“ Nein, Hiob bleibt nicht liegen, obwohl er mit seinem Schicksal tief in den Staub der Erde gedrückt worden ist.

Wie aber verhält es sich eigentlich mit dem Grund für das ganze Übel. Ich erinnere noch einmal daran: Ausgangspunkt der ganzen dunklen Geschichte im Hiobbuch war ja diese etwas gewagte Wette zwischen Gott und dem Satan: Wird ein armer, kranker und einsamer Hiob seinen Gott verleugnen? Im Blick auf unseren Predigttext fällt zunächst einmal auf: Hiob macht Gott selbst für sein Schicksal verantwortlich. Es ist die Hand Gottes, die Hiob dieses Unheil beschert hat, heißt es im Predigttext. Hiob beschönigt nichts. Er versucht seinen Gott nicht zu rechtfertigen. Für Hiob sind Sünde und Strafe kein Thema. Das im Alten Testament gängige Schema: „Leiden ist Strafe für Sünde und Schuld“, das lässt Hiob in den Gesprächen mit seinen Freunden nicht gelten. Hiob weiß nur, dass Gott selbst, und niemand sonst, ihm diese schwere Last seines Lebens aufgebürdet hat. Aber, liebe Gemeinde, eigentlich berichtet uns das Buch Hiob ja etwas anderes: Eigentlich trägt doch der Teufel Schuld an allem, wegen seiner unmoralischen Wette …. Hiob sieht das anders.

Und das finde ich interessant: Hiob sagt: Gott hat mir das alles eingebrockt. Schließlich ist er Gott und nicht irgendein nutzloser Götze. Aber Gott hat Hiob nicht verlassen. Hiob fühlt, dass in der tiefsten Finsternis, im größten Elend Gott doch an seiner Seite ist. Hiob weiß, dass sein Gott lebt, dass er ihn nicht verlassen hat. Und er ist fest davon überzeugt, dass ihn dieser Gott aus dem Staub aufrichten wird. Ich finde das bemerkenswert: Hiob verheddert sich nicht in der „Warum-Frage“, die uns bei Schicksalsschlägen oft so nahe ist und die einem unglaublich viel Energie raubt. Hiob nimmt es in unserem Predigttext einfach als gegeben hin, dass sein Gott auch furchtbar viel Leid über ihn bringen kann. Er klagt, - das schon. Und an anderen Stellen des Hiobbuches kommt die Warum-Frage natürlich auf. Aber Hiob vertraut darauf, dass Gott es am Ende gut macht.

Liebe Gemeinde! Auch wir Christen glauben an einen Gott, der unbeschreibliche Dunkelheit über uns hereinbrechen lassen kann. Oft sind es auch tiefgläubige Christen, die schreckliche Dramen in ihrem Leben durchmachen. Da kann man nicht einfach sagen: „Na ja, damit hat aber Gott nichts zu tun.“ Wenn Gott damit nichts zu tun hat, dann ist er doch nicht allmächtig. Oder Gott wäre nicht gut. Das ist aber beides für uns nicht akzeptabel. Außerdem müssen wir nur auf den Weg von Jesus schauen: Auch Jesus ist ohne Sünde und Schuld in extremes Leiden geraten. Jesus hat gelitten, nicht deshalb, weil Gott gerade einmal nicht auf seinen Sohn aufgepasst hat, sondern im Gegenteil, weil Gott es so wollte. Gott hat das Gute gewollt - und an Ostern einen großen Sieg über den Teufel errungen. Aber die dunkle Seite dieses Sieges war groß und lang: Verhaftung, Folter, Spott und Häme – und dann der Tod, zwei Tage lang. Schlimmer geht es eigentlich nicht. Den Jünger Simon Petrus hat diese dunkle Seite des göttlichen Plans in schwere Konflikte gestürzt. Diese Konflikte gipfelten darin, dass er Jesus mehrmals vor anderen Leuten verleugnet hat.

Ja, es ist nicht einfach, immer auf Gott zu vertrauen, vor allem in den schweren Zeiten. Warum geht es eigentlich nicht ohne diese schreckliche Dunkelheit, ohne die Dunkelheit von Leiden und Tod? Liebe Gemeinde, ich habe in meinem Fastenkalender einen Beitrag von Kerstin Söderblom, einer Pfarrerin aus Hessen gefunden, den ich Ihnen gerne vorlesen möchte. Was Kerstin Söderblom über Dunkelheit und Licht schreibt, hat mich persönlich sehr angesprochen. Pfarrerin Söderblom schreibt:

„Im September war ich zwei Wochen auf der schottischen Insel Iona. Auf der Insel gibt es keine Straßenlaternen. Jeden Abend habe ich einen Spaziergang in die Dunkelheit gemacht. Meine Erfahrung: Je länger ich im Dunkeln gegangen bin, desto mehr habe ich gehört, gerochen, gefühlt und schließlich auch gesehen. Die Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit und haben Schattierungen unterschieden, Umrisse, und andere Lichtquellen wie Katzenaugen, Glühwürmer, Bootslichter im Wasser, haben Sterne oder Mondlicht wahrgenommen. Nur wenn mir jemand mit einer Taschenlampe entgegenkam und mich anstrahlte, habe ich überhaupt nichts mehr gesehen. Zu grell war das Licht. Es hat alle anderen Schattierungen und Farbnuancen um mich herum verschluckt. Je länger ich im Dunkeln gegangen bin, desto intensiver habe ich die Wellen gehört, Möwen über der Bucht, ein Fischerbootsmotor in der Ferne, ein Windstoß im Wipfel vom Baum in der Nähe. Ich habe Seetang gerochen, die salzige Luft geschmeckt und meinen Atem gespürt. Es waren intensive Momente. Kostbar, selten. Nicht die Dunkelheit ist gefährlich, sondern die Angst der Menschen vor der Dunkelheit. Sie schreibt der Dunkelheit Gefahren zu, weil Menschen meinen, nichts zu sehen, keine Kontrolle zu haben, keine Sicherheit und keinen Schutz. So wird die Dunkelheit denjenigen überlassen, die etwas zu verbergen haben, die Dunkelheit schätzen, weil sie in ihren zweifelhaften Geschäften nicht gestört werden wollen. Die Dunkelheit ist kostbar. Ohne Dunkelheit werden Menschen genauso krank wie ohne Licht. Ohne Dunkelheit gibt es zu wenig Pausen, Ruhepunkte, Verlangsamung. Ohne Dunkelheit gibt es kaum Schlaf. Ohne Dunkelheit kein Rückzug ins Private, Körperliche, Zärtliche. Ohne Dunkelheit kaum der Mut zu Tränen, Umarmungen, Trost. Es braucht also Dunkelheit und Licht. Es braucht die Grautöne, Zwischentöne, Schattierungen, Lichteinfälle, Abschattungen, es braucht Zwischenräume - im Hellen wie im Dunkeln.

Liebe Gemeinde! Wir brauchen die Dunkelheit wie das Licht. Wir brauchen Freud und Leid, Licht und Schatten, um den Weg zum richtigen Leben zu gehen. Damit soll natürlich nicht das unbeschreibliche Leiden des Mannes Hiob in der Bibel verharmlost werden. Es soll auch nicht das Leiden vieler Menschen in unserer Zeit, in unserer Gemeinde schöngeredet werden. Das hat Hiob in seinem Gespräch mit den Freunden auch nicht gemacht. Hiob hat gejammert, geklagt. Aber er hat sich nicht aufgegeben. Und er hat seinen Glauben nicht aufgegeben. Den Glauben daran, dass Gott schließlich doch das Morgenrot in die Finsternis schickt und die Nacht des Leides beendet. Die Dunkelheit des Leidens ist da. Das können wir nicht ändern. Aber wir können verhindern, dass wir die Dunkelheit ganz dem Teufel überlassen. Nein, nein, Gott ist in der finstersten Finsternis zu finden, zu hören, zu spüren. Überlasst die Kehrseiten unseres Lebens nicht den finsteren Mächten.

Im Übrigen sei erwähnt, dass sich am Ende des Hiobbuches das Geschick Hiobs tatsächlich zum Guten gewendet hat: Lange hat es gedauert, 42 Kapitel lang. Hiob kommt wieder auf die Beine, er kommt wieder zu Viehbesitz. Vor allem aber kehrt seine Verwandtschaft und kehren seine Bekannten zu ihm zurück und füllen sein Haus mit Leben. Das Leben kehrt zurück. Es wird auch bei uns zurückkehren - nach Corona und nach unseren persönlichen Krisen. Wie und wann, das wissen wir nicht. Was wir wissen, das hat Hiob in unserem Predigttext so schön ausgedrückt: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Und ich ergänze dazu: Jesus lebt –, und wir sollen auch leben.

Amen.

 

Pfarrer Hartmut Klausfelder

Liebe Gemeinde!

Es gibt zwei Dinge, denen entkommt man im Leben nicht: „Dem Finanzamt und dem Tod.“ Wie wahr ist doch diese Redewendung. Steuern und Sterben sind unausweichlich. Da geht kein Weg daran vorbei. Aus der Kirche kann ich austreten, aber nicht aus dem Finanzamt und nicht aus dem Tod. Wahr ist in diesem Zusammenhang aber auch das andere: Viele Menschen versuchen genau diese zwei Dinge zu umgehen: Die Steuern und das Sterben. Die legalen und illegalen Steuertricks sind weit verbreitet. Und den Tod versucht man ebenfalls, mit allen möglichen Kniffen aus seinem Leben zu verbannen.

Prominentestes Beispiel ist für mich immer noch das beliebte Volksstück vom „Brandner Kasper und dem ewigen Leben“, wo der Hauptdarsteller dem Tod und damit seinem eigenen Sterben mit viel Schnaps und gezinkten Karten ein Schnippchen schlägt. Die ungeheure Beliebtheit dieser Geschichte, unter anderem auf der Luisenburg und vor Jahren im Kino, sie zeigt, wie nah uns eben diese Lebenseinstellung geht, die den Tod am liebsten verdrängen würde. Das Volksstück vom Brandner Kasper lehrt uns aber auch, dass man dem Tod vielleicht kurzfristig ein Schnippchen schlagen kann, dass man aber mit der scheinbar gewonnenen Zeit nicht so recht glücklich wird. Glück und Erlösung findet der Brandner Kasper im Schauspiel auch erst, als er am Ende in seinen Tod einwilligt ….

Dem Tod entkommst du nicht. - Du muss ihm auch nicht entkommen. Denn er ist nicht dein Feind, sondern dein Bruder. Freilich, ein dunkler Bruder ist der Tod. Aber er gehört zu dir, zu deinem Leben. Und Brüder kommen auch nicht immer nur dann, wenn es mir gerade gut passt …. Vor dem Hintergrund dieser Gedanken möchte ich Euch den für heute vorgesehenen Predigttext vorlesen. Es ist das Evangelium für den Sonntag „Lätare“, aufgezeichnet beim Evangelisten Johannes im 12. Kapitel:

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen's Jesus weiter. Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben.“

Liebe Gemeinde! In unserem Predigttext ist von einigen „Zaungästen“ die Rede. Da sind Griechen nach Jerusalem zum Passafest hinaufgekommen, waschechte Heiden gewissermaßen. Sie sind nicht im jüdischen Glauben beheimatet, scheinen aber neugierig zu sein. Vor allem richtet sich ihre Neugier auf diesen Rabbi Jesus, von dem man sich so viel erzählt. Jesus redet mit den neugierigen Griechen. Aber er redet in Rätseln und in Bildern: Zunächst spricht er von der „Verherrlichung“ des Menschensohnes.

Es fällt auf, dass der Evangelist Johannes den Weg von Jesus ans Kreuz nie als „Leiden“ bezeichnet, sondern als Verherrlichung. Dahinter steckt natürlich mehr, als ein schreckliches Ereignis mit Folter und Tod schönzureden. „Verherrlichung“ bedeutet, dass sich gerade in solch einem finsteren Wegabschnitt, dass sich gerade im Tod von Jesus der Plan Gottes erfüllt. Und dieser Plan ist auf Heilung und Verherrlichung ausgerichtet. Durch den Tod von Jesus erfährt alle Welt, was es mit diesem Menschensohn Jesus auf sich hat.

Anschließend erzählt Jesus das berühmte Gleichnis vom Weizenkorn. Das Weizenkorn muss in die Erde fallen. Es muss finster um das Weizenkorn werden. Das Weizenkorn muss sterben. Sonst gibt es kein neues, kein besseres Leben auf dieser Welt und in alle Ewigkeit. Man könnte also sagen: Die wissbegierigen griechischen Gäste auf dem Passafest möchten Jesus sehen. Jesus empfängt die fremden Griechen, konfrontiert sie aber mit dem „Eingemachten“ des Glaubens, mit richtig harter Kost. Und diese harte Kost ist der Tod. Wenn du Jesus nachfolgen willst, kannst du dem Tod nicht ausweichen, kannst du den Tod nicht schönreden, nicht verdrängen. Es muss sein, weil Gott es so will. Würde es Jesus nicht so machen, wie das Weizenkorn, dann gäbe es keine Erlösung und keine Verherrlichung.

Im darauffolgenden Satz scheint es Jesus dann noch auf die Spitze treiben zu wollen. Er sagt noch zu seinen Zuhörern: „Wer sein Leben liebhat, der verliert es; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s bewahren zum ewigen Leben.“ Liebe Gemeinde! Ist das nicht doch des Guten ein wenig zu viel? Kann es wirklich sein, dass Jesus von uns Christinnen und Christen verlangt, unser irdisches Leben zu „hassen“?

Zweifellos wurde in der langen Geschichte des Christentums genau diese Lebenseinstellung als besonders gottgefällig und wertvoll hingestellt. Nicht nur in den Klöstern meinte man, den Teufel mit Gewalt aus dem menschlichen Körper austreiben zu müssen, indem den Körper quält und auspeitscht, sowie um alle irdischen Genüsse einen großen Bogen macht. Auch der legendäre Franz von Assisi war ein ganz extremer Vertreter dieser christlichen Askese, - und man hat ihn dafür im Volk geliebt und verehrt ihn in seiner Heimatstadt bis heute.

Gott sei Dank wurde diese einseitig lebensfeindliche Interpretation des christlichen Lebens inzwischen richtiggestellt. Sie ist, streng genommen, auch nicht biblisch. Hier, in unserem Predigttext, handelt es sich nämlich um eine zwar korrekte wörtliche, aber dennoch etwas unglückliche Übersetzung aus dem griechischen Urtext. „Wer sein Leben hasst ….“ Das kann man schon so übersetzen. Martin Luther hat sich da sehr eng am griechischen Wortlaut orientiert. Allerdings muss man berücksichtigen, dass manche Sachverhalte in fremden Sprachen anders ausgedrückt werden, als im Deutschen. Nicht alles kann man aus einer fremden Sprache Wort für Wort ins Deutsche übersetzen. Das merkt man zum Beispiel im Internet, wenn man den Google-Übersetzer von englischsprachigen Seiten zu Rate zieht. Das schreckliche Kauderwelsch, das der Sprachcomputer bei der Wort-für-Wort-Übersetzung im Internet praktiziert, gibt manchmal Anlass zu Erheiterung, bringt einen in der Übersetzung und in Punkto Verständnis nicht wirklich weiter. Oder ein anders alltägliches Beispiel: Der Engländer sagt: „It rains cats and dogs“, wörtlich übersetzt: „Es regnet Hunde und Katzen“. Gemeint ist eigentlich „Es regnet in Strömen“, nur muss es der Engländer anders ausdrücken.

Kommen wir wieder zu unserem Predigttext zurück. Ich liebe die Bibelübersetzung nach Martin Luther. Aber an manchen Stellen ist es schon hilfreich, andere Übersetzungen zum Vergleich heranzuziehen. Die so genannte „Basis-Bibel“, die von der Deutschen Bibelanstalt in Stuttgart herausgegeben wird, übersetzt diese Stelle anders. Übrigens empfehle ich diese Basis Bibel jedem zum Kauf. In der Basis-Bibel heißt der Vers aus dem Johannesevangelium folgendermaßen: „Wem sein Leben über alles geht, der verliert es. Aber wer sein Leben auf dieser Welt nicht für das Wichtigste hält, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“ Das hört sich doch schon ganz anders an. Und ich denke, genau darum geht es Jesus. Jesus will nicht, dass wir unser Leben mit seinen Freuden und Genüssen hassen. Es geht vielmehr darum, dass wir unser eigenes Leben im biologischen Sinn nicht absolut setzen, es nicht für das Wichtigste halten und dem alles andere unterordnen.

Nicht nur in der Diskussion um Sterbebegleitung und Sterbehilfe wird uns immer wieder bewusst, dass Lebenserhaltung und Lebensverlängerung um jeden Preis unter Umständen nur eine Verlängerung des Leidens bedeuten kann. Darum muss man hier sehr genau hinsehen. Und in der Diskussion um die Corona-Schutzmaßnahmen ist im Blick auf die Altenheime zu Recht auch kritisch angefragt worden: Was gewinnen hochbetagte Menschen für ein Leben, wenn sie monatelang in ihrem Zimmer isoliert werden und keinerlei Besuch empfangen dürfen. Sie werden zwar bestmöglich vor einer Infektion mit dem für sie extrem gefährlichen Virus geschützt, und das ist gut so. Aber was für ein Leben ist das, das man dadurch gewinnt … Auch hier muss man natürlich genau hinsehen und abwägen, was man als Altenheimbetreiber und Angehöriger verantworten kann. Mir geht es nur darum zu zeigen, dass Überleben um jeden Preis in Qual und Leiden umschlagen kann, obwohl es vielleicht gut gemeint ist.

Liebe Gemeinde! Die Passionszeit erinnert uns in aller Deutlichkeit daran, dass kein Weg am Leiden und Sterben vorbeigeht. Es geht darum, „Ja“ sagen zu können, wenn die Zeit reif ist. Auch im Blick auf den Tod geht es darum, seine Bestimmung zu leben. Natürlich bricht in der Regel niemand in Jubelstürme aus, wenn der Tod bei ihm an die Türe klopft, - von schwerstkranken Schmerzpatienten vielleicht einmal abgesehen. Jesus selbst hat auch mit seinem Schicksal gekämpft. Ich erinnere nur an die Szene im Garten Gethsemane ….

Aber das andere gilt für uns Christen eben auch: Wir sind lebensbejahende, fröhliche Menschen. Wir feiern gerne, wenn die Zeit dazu da ist. Und wir dürfen auch genießen mit allem Drum und Dran. Freilich alles zu seiner Zeit. Von einem unbekannten Verfasser stammt folgende Lebensweisheit. Ich finde, sie passt gut zu unserem Glauben und auch gut zur nicht enden wollenden Corona-Krise. Ich zitiere: „Im Leben geht es nicht darum, zu warten, dass das Unwetter vorbeizieht, sondern zu lernen, im Regen zu tanzen.“

Liebe Gemeinde! Lasst uns das Leben lieben. Lasst uns Freud und Leid miteinander teilen, lasst uns fröhlich sein mit den Lachenden und lasst uns weinen mit en Weinenden. Und, wenn die Zeiten auf Schlechtwetter stehen, so wie heute, dann lasst uns im Regen tanzen. Wichtig ist aber: Weil ich das Leben liebe, muss ich nicht den Tod als Feind sehen, sondern kann „Ja“ sagen zu dem, was Gott für mich bestimmt hat. Amen.

 

Pfarrer Hartmut Klausfelder

Liebe Gemeinde!

Ihr seid Gottes geliebte Kinder.“ Ist das nicht eine wunderbare Zusage? „Ihr seid Gottes geliebte Kinder.“ Diese Liebe musst du dir nicht erst verdienen. Diese Liebe ist an keine Bedingungen geknüpft. Einfach nur so bist du von Gott geliebt. Darum hat er dich schon als kleines Baby zur Taufe eingeladen. Gott liebt dich, weil du einfach nur „du“ bist. Genau das ist es, was uns so unglaublich guttut. Endlich stehen wir mal nicht unter Druck. „Ihr seid Gottes geliebte Kinder.

Wer zuhause als geliebtes Kind aufgewachsen ist, der weiß, was für ein unglaublich wertvolles Geschenk das ist. Ich bin selbst in diesen wunderbaren Genuss gekommen, von beiden Elternteilen geliebt zu werden. Und ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, hätte ich diese Liebe als Kind nicht spüren und erleben dürfen. Vielleicht würde ich jetzt nicht hier auf der Kanzel stehen, wer weiß? Leider ist diese wunderbare Erfahrung viel zu vielen Kindern nicht vergönnt. Und solche nicht geliebten Kinder haben es oft ein Leben lang schwer.

Gerade deshalb steckt in unserem Glauben ein so großer Schatz. Denn er schenkt uns genau diese wohltuende Zusage: Du bist mein Kind. Du gehörst zu mir. Und ich habe dich lieb. Liebe Gemeinde! Der für heute vorgesehene Predigttext aus dem Brief an die Epheser beginnt genau mit dieser schönen Zusage. Hören wir einmal in diesen Epheserbrief hinein. Ich lese den Beginn des 5. Kapitels:

"So ahmt nun Gott nach als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch. Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört. Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung. Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das sind Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. Darum seid nicht ihre Mitgenossen. Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit."

Liebe Gemeinde! So schön, wie der Text begonnen hat, so seltsam geht es im Brief an die Epheser weiter: Dass wir Gottes Liebe nachahmen sollen, das versteht sich irgendwie von selbst. Da wird jeder Zuhörer gut mitgehen können. Aber anschließend hören wir einige eigenartige Bezüge zum Opferkult im Tempel in Jerusalem: Jesus hat sich für uns geopfert, „Gott zu einem lieblichen Geruch“. Ja, und dann folgt doch der erhobene Zeigefinger, und uns wird eine arg moralinsaure Liste von Vorschriften vorgesetzt, was wir alles nicht tun sollen: Unreinheit, Unzucht, Habsucht, närrische und schändliche Reden. Das wirkt nicht nur in der Wortwahl reichlich altbacken und weit weg von unserer Realität, es macht auch den wohltuenden Beginn des 5. Kapitels irgendwie zunichte. Vor allem setzt sich diese Aufzählung von etwas altmodischen Vorschriften das ganze Kapitel über fort: Die Frauen sollen sich den Männern unterordnen, die Kinder sollen ihren Eltern gehorchen, die Sklaven ihren Herren treu sein und und und …. Eine lange Liste von Tugenden wird uns also aufgetischt. Kommt da durch die Hintertüre nicht doch wieder der Leistungsdruck, zumal in unserem Predigttext nicht schlecht gedroht wird: Wer sich verführen lässt, über den kommt der Zorn Gottes. Na, Mahlzeit ….

Wir stoßen hier im Epheserbrief auf das Phänomen, dass unsere biblischen Texte ganz wertvolle Wahrheiten enthalten, dass wir Gottes Willen in ihnen ablesen können. Aber diese Texte schweben eben nicht im luftleeren Raum, sondern wurden in eine ganz bestimmte Zeit und in eine konkrete Situation hineingeschrieben: Die Christen in der Region um Ephesus machten damals eine schwierige Zeit durch. Wir befinden uns vielleicht um 90 n. Chr. Der erste große Begeisterungssturm durch die Missionsreisen des Apostels Paulus hat sich gelegt. In dem kunterbunten multireligiösen Treiben der antiken Städte wirkten die kleinen christlichen Gemeinden doch ein wenig abgesondert. Umgeben von Göttertempeln und ausschweifendem Leben in der Großstadt mussten die kleinen Gemeinden ihren Platz finden, ihre Identität. Wäre es nicht besser, sich etwas anzupassen an das „normale“ Leben? Vor allem war niemand da, der ihnen den Weg zeigt. Denn Paulus, der Gründer der Gemeinde, war schon lange nicht mehr am Leben. Da bekamen die Christen in Ephesus und Umgebung einen Brief. Er stammt wohl von einem Menschen, der Paulus sehr nahesteht, vielleicht einem Schüler des Paulus. Er schreibt unter dem Pseudonym seines Lehrers.

Vor dem Hintergrund dieser geschichtlichen Situation, liebe Gemeinde, verwundert es natürlich nicht, dass der Tonfall in dem Brief sehr pointiert und manchmal recht altbacken moralisch daherkommt. Für uns Christen im frühen 21. Jahrhundert können wir das nicht einfach 1:1 übernehmen. Aber wir können fragen, wie unser Leben als geliebte Kinder Gottes in dieser Pandemiezeit und in unserer Gesellschaft aussehen kann. Wie können wir Licht sein in dieser krisengeschüttelten Welt?

Dabei ist mir eine Sache ganz wichtig geworden. Die „Liebe“, von der in unserem Predigtabschnitt die Rede ist, ist Gottes Liebe. Die Liebe kommt von ihm. Und ohne Gott gibt es keine Liebe. Was heißt das? Es heißt, dass wir uns von der Liebe Gottes beschenken lassen dürfen. Ohne dieses Geschenk haben wir nichts zu geben. Ohne Gottes Liebe kommt nur Scheinheiligkeit und egoistisch berechnende Wohltätigkeit heraus. Wir müssen erst einmal etwas bekommen, was wir dann weitergeben können. Dazu dürfen wir uns von Gott inspirieren lassen.

Bei Jesus Christus war das im Grunde nicht anders: Er konnte sich nur deshalb für andere Menschen aufopfern und sogar in den Tod gehen, weil er dieses besondere Gottesverhältnis hatte. Jesus war sein geliebter Sohn. Jesus hat das bei seiner Taufe gespürt, sogar von einer Stimme vom Himmel wurde es ihm zugesagt. Nur so konnte Jesus zum Licht der Welt werden.

Darum, liebe Gemeinde, dürfen Sie sich von dieser Sintflut an moralischen Vorschriften im 5. Kapitel des Epheserbriefes nicht die Luft nehmen lassen. Diese Verse waren damals in dieser speziellen Situation sicherlich gut und hilfreich gedacht. Wir müssen es heute neu buchstabieren, was es heißt, Gottes geliebtes Kind zu sein. Als erstes brauchen wir eine konkrete Kraftquelle: Diese Kraftquelle kann der Wald oder die Natur sein, wenn ich sie mit den Augen des Glaubensbekenntnisses sehe: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Dann wird aus dem Genuss Natur mehr, dann wird tiefe Dankbarkeit daraus. Die Kraftquelle kann auch der Gottesdienst in der Kirche sein, derzeit fast die einzige Möglichkeit, wo man noch zusammenkommen und dieses wertvolle Miteinander spüren darf, - wenn auch auf Abstand und durch dicke Masken hindurch. Und wenn man in dieser schönen Kirche sitzt, dann wird man schnell dankbar, für dieses wunderbare Gottesgeschenk der Markgrafenkirche. Natürlich ist auch das persönliche Gebet zuhause oder unterwegs eine wichtige geistliche Tankstelle. Gerade die Passions- und Fastenzeit bietet sich ja an, dem persönlichen Gebet wieder mehr Raum zu geben.

Ganz gleich, wo und wie jeder einzelne seine innere Tankstelle findet. Man muss erst einmal auftanken. Ohne gefüllten Tank kommt man nicht weit mit dem Auto und als Christ sitzt man ohne geistliche Tankfüllung auch schnell auf dem Trockenen, zumal uns die momentane Krisensituation ohnehin innerlich ziemlich ausgelaugt hat. Aber wer es spürt, diese Liebe in sich, der darf und soll sie auch gerne weitergeben. Natürlich sind die Möglichkeiten, anderen zu helfen in der Corona-Krise eingeschränkt. Aber da geht trotzdem sehr viel: Eine Möglichkeit in Anlehnung an unseren Predigttext könnte sein, dass wir uns bemühen, über andere nichts Schlechtes zu reden und auch zu denken. Ich habe mir schon oft gedacht: Wie viel positiver wäre die allgemeine Stimmung in dieser Pandemie, wenn wir uns nicht von den zahlreichen wütenden und abfälligen Reden mitreißen ließen, die in den Medien und in den sozialen Netzwerken verbreitet werden. Sicherlich, unsere Politiker machen bei weitem nicht alles richtig. Die Organisation der Impfungen und jetzt der vollmundig angekündigten Corona-Schnelltests für alle ist unbefriedigend. Auch unsere Kirchenvertreter äußern sich nicht immer optimal in dieser schwierigen Zeit. Wenn wir nun in dieser Blase von Empörung und Protest mitschwimmen, dann wird nichts, aber auch gar nichts besser. Aber die Stimmung sinkt auf dem Tiefpunkt. Und tief unten ist die Finsternis, würde der Verfasser des Epheserbriefes sagen. Und dann bist du kein Kind des Lichtes mehr, sondern ein Sohn oder eine Tochter der Finsternis. Dann bist du nicht mehr von der Liebe Gottes beseelt. Nichts Schlechtes reden. Auch, wenn wir Schlechtes in unserer Umgebung wahrnehmen. Das hat nichts mit Schönreden oder ignorieren von Missständen zu tun. Aber Kritik muss immer konstruktiv sein. Sonst taugt sie nichts. Nichts Schlechtes reden. -

Vielleicht wäre das ja wirklich ein guter Vorsatz für die Woche nach dem Sonntag „Okuli“. Okuli heißt: „Meine Augen, meine Augen sehen stets auf den Herrn“ (Psalm 25,15). Versuchen wir doch eine Woche lang alles, was uns begegnet mit den Augen Gottes, mit den Augen der Liebe zu sehen. Deshalb dürfen mich Fehler oder dumme Sprüche anderer Menschen trotzdem ärgern. Aber die Liebe heilt den Ärger. Deshalb dürfen wir Fehler trotzdem richtigstellen, bei uns und bei anderen. Aber eben konstruktiv und respektvoll. Nur die Liebe kann Wunden heilen. Lästerei und Hass streut nur noch zusätzlich Schmutz in die Wunden.

Lasst uns eine Woche auf das Gute sehen, nicht auf die Defizite, auf das, was uns fehlt oder stört. Das wäre doch einmal ein Fasten der anderen Art, sozusagen das „Negativfasten“. Ich umarme das Negative mit Gottes Liebe. Ich könnte mir vorstellen, dass wir nach einer solchen „Fastenwoche“ zumindest etwas zufriedener und friedvoller auf unsere Welt schauen. Ein Versuch wäre es wert. Lasst euch nicht in die Finsternis herunterziehen, sondern lass das Licht Gottes leuchten als die geleibten Kinder Gottes.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Pfarrer Hartmut Klausfelder

Liebe Gemeinde!

„Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen. Gib mir den Mut zum ersten Schritt. Lass mich auf deine Brücken trauen, und wenn ich gehe, geh Du mit.“ (EG 646,1)

Dieses Lied aus unserem Gesangbuch hat die Orgel gerade angestimmt. Pas-send zu diesem Lied möchte ich Ihnen eine Geschichte vorlesen, die mir in meinem diesjährigen Fastenkalender begegnet ist. Es handelt sich um die Geschichte vom alten Brückenbauer. Verfasst hat sie Anne Steinwart:

„Du hast einen schönen Beruf", sagte das Kind zum alten Brückenbauer, „es muss sehr schwer sein, Brücken zu bauen." „Wenn man es gelernt hat, ist es leicht", sagte der alte Brückenbauer, „es ist sehr leicht, Brücken aus Beton und Stahl zu bauen. Die anderen Brücken sind sehr viel schwieriger", sagte er, „die baue ich in meinen Träumen.“ „Welche anderen Brücken?" fragte das Kind. Der alte Brückenbauer sah das Kind nachdenklich an. Er wusste nicht, ob es verstehen würde. Darm sagte er: „Ich möchte eine Brücke bauen von der Ge-genwart in die Zukunft. Ich möchte eine Brücke bauen von einem zum anderen Menschen, von der Dunkelheit in das Licht, von der Traurigkeit zur Freude. Ich möchte eine Brücke bauen von der Zeit in die Ewigkeit über alles Vergängliche hinweg." Das Kind hatte aufmerksam zugehört. Es hatte nicht alles verstanden, spürte aber, dass der alte Brückenbauer traurig war. Weil es ihn wieder froh machen wollte, sagte das Kind: „Ich schenke dir meine Brücke." Und das Kind malte für den Brückenbauer einen Regenbogen.

Ja, liebe Gemeinde! Brückenbauen wäre angesagt in Zeiten der Ausgangssperren und Kontaktbe-schränkungen. Brücken bräuchten wir, die über den finsteren Abgrund der Vereinsamung und der sozialen Kälte führen. Brücken müssten geplant werden über die schwarze Schlucht der Angst und der Depression. Aber das ist gar nicht so leicht. Vielen Menschen fehlt die Energie. In der lange anhaltenden Pandemie und nach den langen Winternächten ohne allzu viel Begegnung und Kontakt, da geht den meisten von uns einfach die Puste aus. Wo soll da die Energie und die Kreativität herkommen, Brücken zu bauen im über-tragenen Sinn? Freilich, jeder Brief, den ich schreibe, jeder Telefonanruf, jede elektronische Mail am Computer, jede Nachricht auf dem Handy kann zu so einer Brücke werden. Es ist ein Segen, dass wir diese elektronischen Medien nützen können. Trotzdem nehme ich in meinen Gesprächen und Begegnungen in der letzten Zeit unheimlich viel Müdigkeit und innere Kraftlosigkeit wahr. Und das macht es natürlich von Tag zu Tag schwerer an einer Hoffnungsbrücke mitzuwirken. In der Geschichte bekommt der alte und traurige Brückenbauer eine Brücke geschenkt. Eine bunte Brücke ist es, voller Farben: rot, gelb, grün, blau, oran-ge und violett. Eine Brücke, die den Sonnenschein nach dem Regenschauer oder Gewitter ankündigt. Bei dieser Regenbogenbrücke musste ich natürlich wieder an das Ende der be-rühmten Erzählung von der Arche Noah denken. Darum habe ich beschlossen, die Geschichte von Noah zur Grundlage meiner Predigt heute zu machen. Eine Predigt, die Mut machen soll Brücken zu bauen. Jetzt, wo so viele Brücken zueinander aus Sicherheitsgründen gesperrt wurden. Ich lese einige Auszüge aus der Arche-Noah-Geschichte im 1. Buch Mose, Ka-pitel 6-9:

Als aber der HERR sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Er-den und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war im-merdar, da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertil-gen von der Erde. Und der HERR sprach zu Noah: Geh in die Arche, du und dein ganzes Haus; denn dich habe ich gerecht erfunden vor mir zu dieser Zeit. Denn von heute an in sieben Tagen will ich regnen lassen auf Erden vierzig Tage und vierzig Nächte und vertilgen von dem Erdboden alles Leben-dige, das ich gemacht habe. Am ersten Tage des ersten Monats waren die Wasser vertrocknet auf Erden. Da tat Noah das Dach von der Arche und sah, dass der Erdboden trocken war. Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Al-tar. Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen wil-len; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken.“

Liebe Gemeinde! Gott ist zornig über die Bosheit der Menschen. Und dieser Zorn hat entsetzliche Folgen. Wieder begegnen wir in der Passionszeit dieser dunklen Seite Gottes. Sie nimmt zerstörerische Ausmaße an.

Es wird ja immer wieder diskutiert, ob man die Corona-Pandemie als Strafe Gottes interpretieren könne. Als Strafe für einen Menschen, der immer mehr Lebensraum für sich beansprucht, immer weiter, wie ein Eroberer, in Bereiche vordringt, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, die anderen Lebewesen ge-hören. Der Mensch holzt Urwälder ab und raubt dem Boden seine Rohstoffe. Ob eine Virus-Pandemie konkret als Strafe Gottes verstanden werden kann, das weiß ich nicht. Ich halte mich an die Fakten. Und diese Fakten sagen, dass das Verhalten des Menschen definitiv diese Pandemie begünstigt und provoziert hat. Der Mensch trägt Schuld an dem, was passiert ist. Auch wir tragen Schuld. So viel steht fest.

Aber gehen wir wieder zurück zur Geschichte von der Arche Noah: Gott ist zornig, aber er besinnt sich. Er sieht Noah und die Tiere in der Arche und erin-nert sich an seine Barmherzigkeit. „Reminiscere“, - der Name dieses Sonntages, da ist er wieder: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit. (Psalm 25,6)“ Und Gott lässt nicht nur die furchtbare Sintflut zu Ende gehen. Er schließt sogar noch einen Bund mit Noah und mit allen Menschen. Dieser Bund spricht eine klare Sprache: „Gott will nicht mehr, dass der Mensch stirbt, dass das Leben der Menschen ausgerottet wird. Gott steht auf der Seite des Lebens. Ja, im Gegenteil. Es gilt: „“Von nun an soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Und das Zeichen für diesen Bund ist der Regenbogen. Die bunte Brücke am Himmel. Das heißt also: Gott baut Noah nach der Katastrophe selbst eine Brücke. Denn der Mensch alleine ist zu schwach dafür. „Das Dichten und Trachten des Men-schen ist nun einmal böse“, sagt die Bibel.

Und, wie um das zu bestätigen, baut Gott Jahrtausende später noch einmal eine lebendige Brücke zu den Menschen. Und diese Brücke heißt Jesus Christus. Wieder begegnet uns in Jesus der Gott, der das Leben der Menschen retten will und nicht zerstören. Wieder begegnet uns der Gott, der von sich aus die Menschen aus ihrer Schuld herauisreißen möchte.

Nein, ich glaube nicht wirklich, dass Corona ein Strafwerkzeug Gottes ist. Ich finde es auch müßig, das zu diskutieren. Lasst uns auf den Gott schauen, der uns aufrichtet, der Mut macht und neues Leben schenkt im Zeichen des Regenbogens.

Darum möchte ich euch bitten: Lasst euch von den Farben des Regenbogens inspirieren. Bringt gerade jetzt Farbe in euer Leben. Die Blumengeschäfte und Baumärkte öffnen ja morgen in Bayern wieder. Aber geht bitte nicht alle auf einmal einkaufen und haltet Abstand! Macht euer Leben bunt: Stellt Blumensträuße auf, hängt Bilder auf und singt. Singt um Gottes Willen, nicht hier im Gottesdienst, da dürfen wir es leider nicht, aber zuhause. Singt am Telefon, vor dem Fernseher oder mit den Videos auf dem Computer. Und dann baut an eurer Brücke zu Gott, gerade in dieser Fastenzeit. Fasten kann, aber muss nicht heißen, dass ich auf Essen oder etwas anderes verzich-te. Fasten heißt Besinnung und Umkehr einüben. Wendet euch neu und inten-siver Gott zu! Denn von ihm kommt Leben im Zeichen des Regenbogens. Folgt dem Vorbild von Jesus nach! Dann kann Corona diese Welt zwar quälen, aber nicht erobern. Und seid vor allem dankbar! Dankbar für das, was uns trotz aller Beschränkungen geblieben ist und was uns auch jetzt noch Freude macht. Seid dankbar, dass wir unseren Gott haben.

In diesem Zusammenhang habe ich vor einigen Tagen den beliebten Choral „Nun danket alle Gott“ ein wenig umgedichtet. Folgende Verse sind dabei herausgekommen:

Ich danke meinem Gott in diesen schweren Tagen.

Dass er so wunderbar mir hilft, die Angst zu tragen:

Die Zukunft ungewiss. Ich frag: Wo geht es hin?

Was für ein großer Trost, dass ich nicht einsam bin.

 

Ich danke, denn ich kann aus seinem Reichtum leben.

Er weiß vieltausendmal, mir neue Kraft zu geben.

Ich bleib in Dunkelheit umwebt von seinem Licht.

Wenn ich nicht weiterweiß, sagt er nur: „Fürcht‘ dich nicht!“

 

Ja, glaubt mir, diesen Gott will ich begeistert loben.

Er wohnt in mir, ist nah und thront im Himmel droben.

Gemeinsam mit dem Sohn und mit dem Heil’gen Geist

trau ich mich auf den Weg, der in die Zukunft weist.

(Hartmut Klausfelder, nach EG 321)

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, er bewahre unse-re Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Pfarrer Hartmut Klausfelder
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