+++ Hier finden Sie besinnliche Texte oder die Predigt vom letzten Sonntag zum Nachlesen. +++
Hier finden Sie einige unserer letzten Predigten und Texte zum Nachlesen. Die Rechte liegen hierbei immer beim jeweiligen Autor (jeweils unter dem Text angegeben).
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Liebe Gemeinde!

Als Predigttext habe ich heute eine Geschichte aus dem Markusevangelium herausgesucht: Markus 5,24b-34.

Bei dieser Erzählung muss ich an eine sehr interessante Fortbildung denken. Sie liegt jetzt schon fast 10 Jahre zurück. Und trotzdem beschäftigt mich das, was ich damals gehört habe, bis heute. Die Veranstalter hatten damals einen professionellen Werbefachmann aus der freien Wirtschaft ein-geladen. Es ging um die Frage, wie wir Kirche werbend wirken können. Oder anders ausgedrückt: Welche Werbung braucht unsere Kirche? Welche Werbung passt zu uns? Und mit welchem Werbeslogan können wir angemessen und zeitgemäß werben? Ich kann Ihnen sagen, es war wirklich spannend mitzuerleben, wie dieser Mann, der sonst Werbe-kampagnen für Ariel, Tschibo und unzählige andere Unternehmen entwirft und seit Jahrzehnten damit großen Erfolg hat, wie dieser Mann unsere Kirche wahrnimmt. Wissen Sie, was der Werbefachmann nach einein-halb Tagen intensivem Kontakt mit Pfarrerinnen, Pfarrern und kirchlichen Mitarbeitern als Werbeslo-gan für unsere Kirche und insbesondere für die Arbeit mit Familien vorgeschlagen hat? Lassen Sie sich diesen Satz einfach einmal auf der Zunge zer-gehen, auch, wenn er fast 10 Jahre alt ist:

„Ein bisschen Gott tut gut.“

Stellen Sie sich einfach einmal in Gedanken ein Plakat dazu vor mit der Kirche von Neustadt am Kulm, mit der Einladung zu einer Veranstaltung oder einem besonderen Gottesdienst, - und darun-ter, neben einem Logo der Satz: „Ein bisschen Gott tut gut.“ Wie ich diesen Vorschlag des erfahrenen Werbefachmannes zuerst gehört habe, dachte ich mir: „So ein Quatsch. Was wollen wir denn als Christen mit ein „bisschen Gott“, mit einem „göttlichen Appetithappen“, „Jesus light“ sozusagen. Gerade uns engagierten haupt- und ehrenamtlichen Mitarbei-tern, gerade uns überzeugten Teilnehmern an Got-tesdiensten und kirchlichen Veranstaltungen, uns geht es doch um die ganze Wahrheit, und nicht um ein „bisschen“, um ein kleines Stück davon, oder?

„Ein bisschen Gott tut gut.“

Aber je länger ich über diesen Satz nachgedacht habe, wurde mir klar: Da geht es gar nicht um ein „Stück von Gott“, sondern darum, dass bereits ein kleines bisschen von Gottes Liebe, von Gottes Wahrheit, von Gottes Ausstrahlung, von Gottes Wort, dass auch das schon hilft und wirkt. Es muss im Glauben nicht immer gleich die XXL-Lösung sein mit Bibelkreis, 6-wöchigem Glaubenskurs mit der bewussten Entscheidung, sein Leben Jesus zu übergeben oder gar mit so etwas wie Glaubenstau-fe, was die Baptisten praktizieren. Auch ein bisschen davon hat bereits Wirkung. Und als Volkskirche heben wir uns gerade dadurch von Sekten, Freikirchen und fundamentalistischen Gruppen ab, dass wir auch den kirchlich Distanzierten ein Lebensrecht in unserer Kirche zubilligen und sie auch wertschätzen. Freilich, so richtig tief in den Glauben einsteigen, das ist schon etwas Wertvolles und Gutes, sonst hätte ich ja selbst nicht Theologie studiert und wäre Pfarrer geworden. Und ich gönne jedem seinen Hauskreis. Und ein (Jugend-)Chor, ein Posaunen-chor, der lebt davon, dass die Teilnehmer mit voller Begeisterung, regelmäßig und zuverlässig mit Haut und Haar einsteigen. Es ist gut, dass es begeisterte und überzeugte Christen gibt, die etwas tun, für Gott, für sich und für andere und die dafür viel Zeit opfern. Aber eben auch das Andere hat seine Be-rechtigung in unserer Kirche. Nun gibt es zurecht eine ganze Menge von Einwän-den gegen diese „Kirche-Light“-Mentalität, gegen eine Kirche, die die Gnade Gottes zu billig macht, so nach dem Motto: Es reicht ja auch, wenn man am Heilig-Abend und zur Taufe des Kindes mal vorbeischaut. Und in der Bibel sagt Jesus deutlich, dass die so genannte „Breite Pforte“, also der „Mainstream“ (Hauptstrom) des Papierchristentums in die Hölle führt und nur die schmale Pforte in den Himmel weist.

Aber, liebe Gemeinde, es gibt daneben auch andere biblische Geschichten. - Solche, wie die Erzählung von der armen Frau mit „Blutfluss“, die Frau, die seit Jahren an Blutungen leidet, die sich durch kei-nen Arzt und kein Medikament stillen lassen. Was hat die Frau schon alles versucht und ihr ganzes Geld ausgegeben. Nun hört sie, dass Jesus in der Gegend ist. Aber scheinbar hat sie Angst, Jesus zu nahe zu kommen. Das ist verständlich, fühlt sie sich durch die Krankheit doch in höchstem Maße „unrein“. Nach dem jüdischen Gesetz zählen Menschen, bei denen Blut fließt als kultisch unrein. So jemand darf nicht in den Tempel. Und er darf auch keinem Heiligen zu nahe kommen. Trotzdem ist die Frau überzeugt, dass Jesus ihr helfen kann. Also fasst sie einen mutigen Ent-schluss: Sie will einfach nur einen Zipfel von sei-nem Obergewand berühren. In der großen Men-schenmenge fällt das nicht weiter auf. Allein das müsste wirken. Also ein bisschen Heiland, das tut gut … Und wie gut es dieses bisschen Heiland tut: In dem Moment, in dem die Frau das Gewand von Jesus zu fassen bekommt, versiegt die Quelle ihrer Unrein-heit, die Quelle der Blutungen versiegt. Wow! Jesus hat natürlich gespürt, dass da etwas in der Menge vor sich gegangen ist. Und als er die Frau entdeckt hat, sagt er zu ihr: „Meine Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht. Gehe hin in Frieden.“

Liebe Gemeinde! Also ist es doch so, dass schon ein bisschen Gott gut tut. Es genügt nur ein Wort, dann wird der Knecht eines Römischen Hauptmannes gesund, - eine andere Heilungsgeschichte aus den Evangeli-en, die ich sehr mag. Und es genügt schon ein Stück Textilie, die Jesus trägt, um heil zu werden. Jesus fordert die Frau auch nicht dazu auf, ihm nachzufolgen oder sich eine Predigt von ihm anzu-hören. Vielleicht hat sich die Frau später diesem besonderen Rabbi angeschlossen, oder auch nicht. Wir lesen darüber nichts weiter in der Bibel. Wie dem auch sei: Der Schatz an positiver Energie, an Ausstrahlung, an Wohltaten von Jesus ist so groß und weit, dass auch die etwas davon abbe-kommen, die am Rande stehen. Also ebenso die Randsiedler und Gelegenheitsbesucher unserer Kir-che. Entscheidend ist allein, gut protestantisch gedacht, der Glaube. „Dein Glaube hat dir geholfen.“ sagt Jesus. „Dein Glaube“ – und nicht eine Mindeststundenzahl an Frömmigkeitsleistungen und nicht eine Mindestzahl von Gottesdienstbesu-chen. Manchen Konfirmanden wird das vielleicht freuen ….

Manchmal habe ich den Eindruck, das sich manche kirchlich Distanzierte auch fast ein wenig kultisch unrein fühlen. Denn ich bekomme ab und zu von Gelegenheitschristen den Satz zu hören: „Nein, Herr Pfarrer, am Sonntag gehen wir nicht in die Kir-che. So heilig sind wir nicht.“ - Scheinbar muss man sich doch irgendwie heilig fühlen, um die Schwelle der Kirche zu überwinden. Aber spätes-tens nach dieser Geschichte von Jesus und der Frau mit Dauerblutungen wird klar: Bereits die punktu-elle Begegnung mit Jesus, das Vorbeikommen, bereits das wirkt und hilft. Aus diesem Grund finde ich mehr und mehr, dass dieser Werbeslogan fast etwas Geniales in sich trägt und gut zu uns passt: „Ein bisschen Gott tut gut.“ Wir sind eine Volkskirche und wollen es bleiben. Und dementsprechend ist es erst einmal wichtig, die Eintrittsschwelle für interessierte Außenstehende möglichst niedrig zu halten. Damit verschleu-dern wir die Gnade Liebe nicht. Aber wir sorgen da-für, dass möglichst viele etwas davon abbekom-men. Diese Liebe und Wertschätzung dürfen wir den anderen wirklich gönnen, den Fernstehenden und Randsiedlern.

Das hat ja auch unser bayerisches Kirchenparlament, die Landessynode ganz treffend ausgedrückt, und zwar als einen wichtigen Grundsatz im Rahmen des so genannten PuK-Prozesses. Das ist ein Prozess der inneren Neuausrichtung unseres kirchlichen Angebotes. Die Landessynode sagt: Es ist unsere Aufgabe als Kirche , einen „einfachen Zugang zur Liebe Gottes“ zu schaffen. Einfacher Zugang zur Liebe Gottes. Keine strengen Zugangsvoraussetzungen. Wer selber gleich tiefer einsteigen und intensiver mit dem Evangelium leben möchten, der soll das das natürliche gerne tun, aber wir dürfen das nicht zum allein selig machenden Weg erklären.

Im Übrigen bin ich überzeugt, dass der eine oder die andere dann mehr erfahren möchte, wenn er oder sie im übertragenen Sinne mit dem „Saum des Gewandes“ von Jesus in Berührung gekommen ist und seine wohltuende Wirkung gespürt hat. Anders ausgedrückt: Wer gemerkt hat, wie gut das bisschen Jesus schon tut, der bekommt vielleicht doch Appetit auf mehr …. Aber wichtig ist es, erst einmal wirklich offen zu sein. Und wichtig ist es vor allem, dass wir den, der nur einmal in der Kirche vorbeischauen möchte, auch wieder gehen lassen. Unsere Kirche leidet manchmal unter dem Ruf, dass bei jedem, der nur einmal „ja“ sagt zu einem kirchlichen Angebot und den Kopf in die Kirche hineinstreckt, sofort die Falle zuschnappt und er zum ständigen kirchlichen Mitarbeiter erklärt wird. Stattdessen dürfen wir ganz unbesorgt sein. Wenn unser Angebot wirklich gut tut, und das tut es, weil der dreieinige Gott dahintersteht, dann kommen die Menschen auch und einige werden dann freiwil-lig tiefer einsteigen. Weil Gott einfach gut tut. Weil Jesus heil macht.

Liebe Gemeinde! „Ein bisschen Gott tut gut.“ Ich denke schon, dass wir mit diesem Slogan werben können, weil es von der Sache her stimmt und zu uns als Kirche passt. Wir dürfen dabei ruhig deutlich machen, dass die-ses „Gut-tun“ bei uns mehr ist, als der übliche Wellness-Rummel. Für dieses mehr steht unser Jahrtausende altes Markenzeichen: Das himmlische Dreieck, der drei-einige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Und für dieses Mehr steht auch der Ausspruch von Jesus zu der geheilten Frau in unserem Predigttext: „Dein Glaube hat dich gesund gemacht. Geh’ hin in Frieden.“

Also: Werben wir für unseren Glauben, für Vertrau-en in Jesus Christus, weil wir wissen, dass man dort wirklich gesund werden kann und dass man echten Frieden findet. Und am besten werben wir mit echter Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit. Eine Freundlichkeit, die einlädt, ohne festzuhalten. Eine Freundlichkeit, die Appetit macht auf mehr. Eine Freundlichkeit im Namen Jesu. „Denn ein biss-chen Gott tut gut.“ So unbeschreiblich gut. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Pfarrer Hartmut Klausfelder

Liebe Gemeinde!

„Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“

Dieses geflügelte Worte des Apostels Paulus aus dem 2. Korintherbrief (2. Kor 9,7) könnte ich als Überschrift über meine Erntedankpredigt stellen. Genau darum geht es doch an Erntedank: Es geht darum, dass wir etwas abgeben. Entweder direkt von dem, was auf den Feldern oder in den Gärten wächst, oder in Form von Geldspenden für wohltätige Zwecke, damit sich andere etwas zu essen oder zu trinken kaufen können. „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“ Dieses Abgeben soll an Erntedank Freude machen. Einer, der mit griesgrämiger Miene etwas von seinem Besitz herausrückt, innerlich zerfurcht von Habgier, gequält von Verlustängsten, so einer hat am Erntedankfest nichts verloren. „Teile fröhlich und gerne – und hab Spaß daran.“ So könnte ein Motto für unser Erntedankfest lauten, oder?

Aber erstaunlicherweise tun sich gerade viele wohlhabende Zeitgenossen immer besonders schwer, gerne etwas abzugeben. Das war früher schon so, und hat sich bis heute nicht geändert. Klar, wer etwas abgibt, der hat ja selbst weniger, selbst, wenn es nur ein kleiner Teil ist. Und gerade bei Menschen, die den Sinn ihres Lebens in erster Linie in der Vermehrung von Hab und Gut sehen, weckt die Aufforderung zum Teilen keine große Begeisterung. Genau da, liebe Gemeinde, liegt der „psychologische Hund begraben“: Wie kann ich solchen Defiziterfahrungen entgegenwirken? Wie kann ich es erreichen, dass sich die Geber von Gaben nicht ärmer fühlen? Wie also kann das Abgeben wirklich Freude und auch Spaß machen?

Ich finde, eine Möglichkeit, wie das funktionieren kann, wird in der Bibel geschildert, und zwar im Alten Testament. Nicht nur im Mittelalter, auch beim Volk Israel war die Abgabe des so genannten „Zehnten“, das „Zehntgebot“, selbstverständlich. Die Vorstellung, 10% von seinen Einnahmen und Ernteerträgen für religiöse und soziale Zwecke auszugeben, ist uralt und geht quer durch alle Kulturen. Interessant finde ich aber, was das Volk Israel aus dieser Zehn-Prozent-Regel gemacht hat. Hören wir, was im 5. Buch Mose, im 14. Kapitel aufgeschrieben ist, der Predigttext für den heutigen Gottesdienst:

„Du sollst alle Jahre den Zehnten absondern von allem Ertrag deiner Saat, der aus deinem Acker kommt, und sollst davon essen vor dem HERRN, deinem Gott, an der Stätte, die er erwählt, dass sein Name daselbst wohne, nämlich vom Zehnten deines Getreides, deines Weins, deines Öls und von der Erstgeburt deiner Rinder und deiner Schafe, auf dass du fürchten lernst den HERRN, deinen Gott, dein Leben lang. Wenn aber der Weg zu weit ist für dich, dass du's nicht hintragen kannst, weil die Stätte dir zu fern ist, die der HERR, dein Gott, erwählt hat, dass er seinen Namen daselbst wohnen lasse, wenn der HERR, dein Gott, dich gesegnet hat, so mache es zu Geld und nimm das Geld in deine Hand und geh an die Stätte, die der HERR, dein Gott, erwählt hat, und gib das Geld für alles, woran dein Herz Lust hat, es sei für Rinder, Schafe, Wein, starkes Getränk oder für alles, was dein Herz wünscht, und iss dort vor dem HERRN, deinem Gott, und sei fröhlich, du und dein Haus und der Levit, der in deiner Stadt lebt; den sollst du nicht leer ausgehen lassen, denn er hat weder Anteil noch Erbe mit dir. Alle drei Jahre sollst du aussondern den ganzen Zehnten vom Ertrag dieses Jahres und sollst ihn hinterlegen in deiner Stadt. Dann soll kommen der Levit, der weder Anteil noch Erbe mit dir hat, und der Fremdling und die Waise und die Witwe, die in deiner Stadt leben, und sollen essen und sich sättigen, auf dass dich der HERR, dein Gott, segne in allen Werken deiner Hand, die du tust.“

Liebe Gemeinde!

Soweit der Predigttext mit den gesetzlichen Regeln zum „Zehntgebot“. In Israel war das tatsächlich Jahrhunderte lang, ja fast Jahrtausende lang, eine feste Praxis. Gedacht haben die Menschen dabei in einem Siebenjahreszyklus: Im ersten, zweiten, vierten und fünften Jahr sollten die Bauern und Viehhirten mit einem Zehntel der Erntegaben zum Tempel nach Jerusalem pilgern. War das, wegen der weiten Anreise, nicht möglich, konnte man das Zehntel Erntegaben auch zuhause verkaufen und mit dem Geld nach Jerusalem komen. Dort kaufte man dann vor Ort die Zutaten für das Fest. Schließlich wurde dann alles an mitgebrachten oder gekauften Gaben im Tempelhof in großer Gemeinschaft bei einem fröhlichen Fest verzehrt. Obst, Gemüse, gebratenes Fleisch, Wein und Saft wurden unter allen Anwesenden verteilt. Es wurde Gott gedankt, gesungen und gebetet und natürlich kräftig gegessen und getrunken. Die, die viel geerntet hatten, brachten viele Gaben ein. Diejenigen, die eine schlechte Ernte hatten, konnten natürlich weniger beisteuern, konnten sich aber wenigstens bei diesem Fest einmal richtig satt essen. In jedem dritten und sechsten Jahr brachte man die Gaben nicht nach Jerusalem, sondern man ließ den Zehnten den Witwen und Waisen, den Leviten/Tempeldienern und Ausländern zukommen. Es wurden also all jene bedacht, die keine eigenen Felder oder Ländereien besaßen. Im siebten Jahr schließlich war das große Erlassjahr. Hier musste man keinen Zehnten an den Tempel oder für die Armen entrichten. Dafür aber war es geboten, alle Sklaven freizulassen und alle Schulden zu erlassen. Also auch da hatten viele einen Grund, fröhlich zu feiern: Die Einen, weil ihnen die Schulden erlassen wurden oder weil sie die Freiheit erlangten, die Anderen, weil sie in diesem Jahr kein Zehntel ihrer Ernte abgeben mussten. Das so genannte Zehntgesetz wurde in den Jahrhunderten der Geschichte Israels oft verändert und präzisiert. Aber die Tradition den jährlichen Festessens im Tempel, daran hat man festgehalten, so lange der Tempel in Jerusalem stand.

Ich staune immer wieder über das hohe soziale Bewusstsein, welches hinter diesen Regelungen im Alten Testament steht. Das, was wir Christen manchmal etwas vorschnell als sture Gesetzesreligion abtun, beinhaltet in Wahrheit ein ausgeklügeltes soziales System, welches nur ein Ziel hat: Alle sollen satt werden. Alle sollen in den Genuss der Gaben kommen. Und das aus einem guten Grund: Die Früchte auf den Feldern und das Wachstum der Viehherden ist eben eine „Gabe“. Diese Gaben sind zwar einzelnen Besitzern und Familien zuzuordnen, aber zu verdanken haben wir die Ernte letztlich Gott. Es ist eben nicht nur unsere eigene Leistung, die uns satt werden lässt, es ist Gottes Werk, Gottes Gnade und Liebe. Und Gottes Wille es eben, dass alle Menschen Grund haben sich zu freuen. Gott ist der Vater von allen Menschen. Gott macht keinen Unterschied zwischen klein und groß, arm und reich, trennt nicht zwischen Einheimischen und Ausländern. Dementsprechend sind die Erträge aus Wald und Flur auch für alle Menschen bestimmt. Freilich soll sich Leistung auch lohnen. Wenn sich Leistung lohnt, spornt das an und motiviert dazu, etwas zu tun. Ganz klar. Aber auch das wird, finde ich, in dem „Zehntgesetz“ geregelt: Schließlich bleiben ja neun Teile der erwirtschafteten Güter, also 90% bei den Bauern selbst. Das ist doch ein guter Steuersatz, oder? Da hat man eigentlich keinen Grund zu meckern. Und noch etwas wird durch das gemeinsame Feiern im Tempel genial geregelt, finde ich: Mit dem Zehntgesetz gebe ich etwas weg, habe aber gleichzeitig selbst etwas davon: Ich feiere ja mit. Ich lass es mir auch gut schmecken. Das heißt, dass ich von dem, was ich abgebe, gleichzeitig wieder selbst etwas bekomme, und das in guter Gemeinschaft, in wertvoller geistlicher Atmosphäre, begleitet von Gebeten, von Lob und Dank. Durch das Abgeben wird mein Leben noch einmal veredelt. Und ich selbst habe ein gutes Gewissen, weil ich mich sozial verhalte und trotzdem Freude und Spaß dabei habe. Ich denke, das kann wirklich ein bedenkenswertes Rezept sein für das freudige Abgeben, für das dankbare Teilen. Wenn ich merke, dass ich auch selbst davon profitiere und im übertragenen Sinn reicher werde, dann fällt es mir leichter zu geben.

In diesem Sinne, liebe Gemeinde, möchte ich heute zum Erntedankfest zum freudigen Teilen einladen, - und gleichzeitig zum gemeinsamen Feiern. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir genug zu essen haben. Es ist nicht selbstverständlich, dass unsere Region, trotz aller Wetterkapriolen in Folge des Klimawandels, von verheerenden Dürrekatastrophen oder Überschwemmungen verschont bleibt. Es ist nicht allein unser Verdienst, nicht unsere Leistung. Wir können nichts dafür, dass wir hier wohnen und nicht in den Wüstenregionen Afrikas. Darum dürfen wir jedes Jahr neu dankbar feiern, immer in dem Wissen: Mir bleibt immer noch genug, - und ich gewinne beim Abgeben noch etwas dazu.

In diesem Sinne möchte ich meine Predigt mit ein paar gedichteten Versen abschließen:

Überschrift: Das heilsame Zehntel

Das, was wir zu essen haben,

sind alles Gottes gute Gaben.

Was auf den Feldern wächst, bedenkt,

gehört euch nicht, es ist geschenkt.

 

D‘rum, woll’n wir gut und richtig leben,

lasst uns gern den „Zehnten“ geben.

Für uns bleibt immer noch genug.

Jeder wird satt, das ist doch klug.

 

Wir danken Gott, indem wir teilen.

So feiern wir und können heilen.

Das funktioniert trotz Unterschieden,

weil jeder satt ist und zufrieden.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alles Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

 

Pfarrer Hartmut Klausfelder

Liebe Gemeinde!

Traum und Wirklichkeit. – Ist das ein Widerspruch?

Sind Träume etwas Unwirkliches. Sind Träume etwas, das nichts mit dem realen Leben zu tun hat? Träume sind Schäume. So sagt man. Dann wären Träume also im Grund nur große Blasengebilde mit viel Luft dazwischen, die früher oder später zerplatzen und sich ins Nichts auflösen.

„Träum weiter.“ Diesen Satz bekommt man, in der Regel mit einem spöttischen Unterton, immer dann serviert, wenn bestimmte Vorstellungen oder Ideen aus der Sicht des Zuhörers fernab von aller Realität und Wirklichkeit sind. Sind Träume also etwas Unwirkliches?

Auf der anderen Seite gibt es sehr wohl viele Bezüge zwischen Traum und realem Leben: „Alles was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe.“ Dieser Ausspruch stammt von dem Schrift-steller und Literaturnobelpreisträger Elias Canetti. Damit macht Canetti deutlich, dass wir mit unseren Träumen oft Erlebnisse und Eindrücke des zurücklie-genden Tages oder der Vergangenheit verarbeiten, - und zwar unbewusst und unaufgefordert. Im Traum tritt das Unbewusste, das Unterbewusste, an die Oberfläche. Eine Einsicht ist das, die längst von Psychologen und Psychotherapeuten bestätigt wird. Ein anderes wunderschönes Zitat zum Thema „Träume“. habe ich bei dem libanesischen Mystiker, Dichter und Philosophen Khalil Gibran gefunden: „Die Blumen des Frühlings sind die Träume des Winters.“ Hier wird den Träumen sogar gestaltende Kraft zugestanden. Träume können also Zukunft gestalten. Wer muss in diesem Zusammenhang nicht an den berühmten, fast schon legendären Ausruf des ameri-kanischen Baptistenpredigers Martin Luther King denken: „I have a dream.“ Ich habe einen Traum. Einen Traum von einem Amerika ohne Rassismus. - Und wie hat dieser berühmte Traum seine Kreise ge-zogen und die Welt verändert, allen Widerständen zum Trotz und allen aktuellen rassistischen Tenden-zen zum Trotz ….

In der Bibel wird immer wieder von Träumen berich-tet, oft sogar an entscheidenden Stellen, an Wende-punkten von Geschichte und Geschichten: Der alt-testamentliche Josef träumt und deutet später die Träume des ägyptischen Pharao. Der mit Maria ver-lobte Josef im Neuen Testament träumt von einem Engel, nimmt daraufhin Maria zu sich und rettet spä-ter das Jesuskind das Leben vor dem mordenden Soldaten des Königs Herodes. Auch der Jakob auf unserem Altarbild aus der Fried-hofskirche träumt. Als Jakob seinen Traum hat, befindet er sich gerade auf der Flucht. Eine selbstverschuldete Flucht ist das. Jakob hat seinen Zwillingsbruder Esau betrogen. Betrogen um den Segen des alten und blinden Va-ters Isaak. Als der Betrug auffliegt, muss Jakob fürchten, dass ihn sein Bruder Esau aus Wut und Enttäuschung heraus umbringt. Darum flieht er. Jakob hat von seinem Vater den Segen bekommen. Aber was ist ein Segen wert, der durch Betrug er-gaunert wurde? Was ist ein Segen wert, wenn Jakob vor seiner eigenen Familie fliehen muss? Rastlos, gehetzt und von Gewissensbissen geplagt, schläft Jakob am Abend ein. Einen Stein hat er sich als Kopfkissen herausgesucht. Härter geht es nicht mehr, im wahrsten Sinne des Wortes. - Und dann hat Jakob einen Traum. Ich lese aus dem 1. Buch Mose im 28. Kapitel:

„Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Son-ne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und leg-te ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abra-ham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen ge-ben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stät-te, und ich wusste es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel“ (Haus Gottes)

Liebe Gemeinde! Jakob hat geträumt. Aber dieser Traum war für Jakob kein Schaum, kein Luftgebilde, das sich in Luft auf-löst. Dieser Traum hatte für das weitere Leben von Jakob prägende Kraft. Und das macht Jakob hörbar und sichtbar. Jakob spricht zunächst ein Bekenntnis aus: „Jawohl, hier ist das Haus Gottes, - und ich habe es gar nicht be-merkt. Hier ist die Pforte des Himmels“. Jakob ist überzeugt, dass ihm Gott im Traum wirklich begeg-net ist. Für Jakob bildet der Traum Wirklichkeit ab. Jakob entscheidet sich, diesen Traum für wahr zu halten. Darum baut er in einem zweiten Schritt als sichtbares Zeichen ein Denkmal auf, man könnte es auch als einen Altar bezeichnen. Und zwar wählt er als Basis-Stein eben jenen Stein aus, auf dem er ge-schlafen hat, auf dem er geträumt hat. Deutlicher geht es wirklich nicht. Hier hat ein Traum das wirkliche Leben von Jakob verändert.

Gerade in der alten Kirche und bei den ersten Mönchen wurden Träume ausgesprochen hoch geschätzt. Für die Lehrer der alten Kirche bildeten Träume das Einfallstor für göttliche Offenbarungen. Wenn der Mensch träumt, tritt das Bewusstsein in den Hinter-grund, der Mensch lässt sich in die tieferen Dimensi-onen des Unbewussten fallen. Und diese Situation, ohne Ablenkung durch Alltägliches und Oberflächliches, diese Situation macht ihn offen für die Gegenwart Gottes. Heutzutage würden wir sagen: Im Traum befindet sich der Mensch ohne Dauerberiese-lung durch Medien, Bildschirme, Lautsprecher und Smartphones. Dadurch wird das innere Ohr, das innere Auge frei für Gott. Als Christen leben wir ja in der Überzeugung, dass Gott immer da ist, dass Jesus immer an unserer Sei-te steht: „Alle Tage bis an der Welt Ende“. Aber im Alltag wird dieses tiefe Bewusstsein überlagert von den Eindrücken der sichtbaren Welt. Darum haben gläubige Menschen aller Zeiten den Träumen eine so hohe Bedeutung beigemessen. Darum zeigt sich Gott in der Bibel immer wieder in Träumen, weil der Menschen im Schlaf das Zepter des Handels aus der Hand gibt, weil er sich fallen lässt, weil er sich, sinnbildlich gesprochen, in die Hand Gottes fallen lässt. Traum und Wirklichkeit. Jakob hat geträumt. Er hat den Traum ernst genommen. Und das hat sein Leben verändert: Jakob ist zwar immer noch der Betrüger, der Sünder. Jakob ist zwar immer noch auf der Flucht. Jakob hat sicher-lich auch noch ein schlechtes Gewissen, weil er weiß, dass er mit seinem Betrug einen schweren Fehler gemacht hat. Aber er kann wieder positiv in die Zukunft gehen. Jakob sieht wieder eine Perspektive. Weil er weiß, dass Gott ihn nicht verlassen hat, trotz allem ….

Wer die Jakobgeschichte in ihren Einzelheiten kennt, der wird wissen, dass sich die Verheißungen Gottes aus Jakobs Traum bewahrheitet haben. Jakob wird als gemachter Mann mit großer Familie und großer Herde in sein Heimatland zurückkehren. Aber es wird Jahre, sogar Jahrzehnte dauern. Jakob muss lange warten, muss viel arbeiten, wird dabei sogar selbst Opfer eines Betrugs und kämpft am Ende sogar ei-nen nächtlichen Kampf mit Gott. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die einzelnen Elemente der Jakobsgeschichte weiter auszuführen. Wichtig ist mir an dieser Stelle: Der Segen Gottes bedeutete für Jakob kein Zuckerschlecken. Jakob muss sich trotzdem mit den Konsequenzen seines Tuns herumschlagen. Aber Jakob ist am Ende kein gebrochener Mann. Ja er bleibt ein Leben lang gezeichnet durch einen Hüftschaden, den er sich beim Kampf mit Gott zuge-zogen hat. Aber er weiß, dass Gott ihn nicht verlässt. Der Traum erinnert ihn ein Leben lang daran, dass er von Gott gesegnet ist.

Liebe Gemeinde! Wenn man so will, könnte man sagen: Jakob lebt seinen Traum. Und das macht ihn zu einem erfolg-reichen und gemachten Mann. Jakob ist gezeichnet, aber erfolgreich. Vielleicht hat ihm der Traum auch nicht nötige Geduld gegeben, auch die Erfüllung der Versprechen Gottes zu warten. Lebe deinen Traum. Gerade in einigen persönlichen Begegnungen in der Familie und im Freundeskreis während der letzten Wochen habe ich das meinen Gesprächspartnern immer wieder geraten: „Lebe deinen Traum.“ Ich bin überzeugt, dass darin unsere Bestimmung liegt. Und zwar: Weil uns im Traum Gott begegnet. Vielleicht sieht nicht jeder von uns, wie Jakob, eine Leiter in den Himmel. Vielleicht sieht nicht jeder Gott am oberen Ende der Leiter stehen oder sitzen. Viel-leicht hört nicht jeder laut vernehmbar Gottes Stim-me. Aber jeder hat einen Traum. Manch ein Traum hat sich vielleicht längt bei euch erfüllt, andere ste-hen noch aus oder gelten als unerreichbar. Es gibt natürlich viele Argumente, unzählige Stim-men, die dir versuchen, deine Träume auszureden: „Das geht nicht. Dafür hast du gar kein Geld. Dafür bist du nicht gut genug. Der Zug ist längst für dich abgefahren. Dafür bist du schon zu alt. Du hast doch sowieso schon genug um die Ohren, willst du das jetzt auch noch anfangen.“ Möglichweise flüstern dir die Stimmen auch ein: „Du schaffst das nie. Du bit ein Versager, ein Sünder. Du hast doch noch nie et-was auf die Reihe gebracht.“ Wie schon gesagt: Die warnenden und kritischen Stimmen sind zahlreich. Trotzdem rate ich dazu, den Traum zu leben, den man hat, wenn sich irgendwie die Möglichkeit dazu ergibt. Vor allem aber: Lasst uns in der Überzeugung leben, dass Gott mit uns ist, dass wir unter seinem Segen stehen. Ganz gleich, was hinter uns liegt. Ganz gleich, wie schwer der Weg in die Zukunft wird. Geht voller Hoffnung und Vertrauen euren Weg, - und vergesst eure Träume nicht. Vielleicht tut sich ganz plötzlich eine Tür auf, die eure Träume Wirklichkeit werden lässt. Vielleicht öffnet euch Gott eine Tür, - oder er stellt euch eine Leiter, die bis an den Himmel reicht.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen: „Träumt schön!“ Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alles Ver-nunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

 

Pfarrer Hartmut Klausfelder

Predigt über Markus 3,31-35

Liebe Gemeinde!

„Freunde kann man sich aussuchen, - Familie nicht.“

Dieses, wahrscheinlich aus Griechenland stammen-de, Sprichwort ist mir nicht mehr aus dem Kopf ge-gangen, nachdem ich den für heute vorgesehenen Predigttext gelesen habe.

„Freunde kann man sich aussuchen, - Familie nicht.“

Diese Aussage ist zunächst einmal absolut zutref-fend: Der Familienkreis und der Freundeskreis unter-scheidet sich wirklich in erster Linie an dieser Wahl-möglichkeit: In eine Familie wirst du hineingeboren, ob es dir gefällt oder nicht. Deine Eltern, Großeltern, Geschwister, deine Verwandten kannst du dir tat-sächlich nicht aussuchen. Sie sind da, ob du gut mit ihnen auskommst, oder nicht. Natürlich kann man sich im Konfliktfall von einzelnen Familienmitgliedern distanzieren. Ja, man kann seiner ganzen Familie den Rücken kehren, was auch immer wieder einmal passiert, in manchen Fällen sogar gut und heilsam sein kann. Aber sie werden ein Leben lang deine Fa-milie bleiben. Und du trägst die Prägungen immer mit dir herum, die dir von deiner Familie weiterver-erbt oder auch anerzogen wurden, positiv wie negativ. Das zu ignorieren wäre Verdrängung und wirkt sich auf die Persönlichkeitsbildung eher schädlich aus. Bei echten Freunden ist das anders: In der Regel bist es immer du selbst, der oder die eine Entscheidung fällt, eine bewusste Entscheidung: Diesem Freun-deskreis will ich mich anschließen. Dieser Person möchte ich mich anvertrauen, ihr vielleicht sogar mein Innerstes offenbaren. Mi diesem Menschen kann ich Pferde stehlen, natürlich nur im übertrage-nen Sinn. Aber eine Freundschaft kann man jederzeit aufkün-digen. Ein Freundschaftsverhältnis lässt sich been-den. Natürlich hat man nach einer Trennung von Freunden unter Umständen ebenfalls lange zu „knabbern“. Aber bei Freundschaften gibt weder rechtliche, noch biologische Hindernisse, die die Trennung grundsätzlich erschweren. Vor allem aber bleibt der entscheidende Punkt dieser: Im Freundes-kreis bleibe ich selbst souverän. Ich suche mir meine Freunde selbst aus. Und ich entscheide selbst, wenn ich eine Freundschaft aufkündigen möchte.

„Freunde kann man sich aussuchen, - Familie nicht.“

Schade an diesem Sprichwort finde ich nur, dass die Familie hier, gerade in unserer modernen Gesell-schaft, einen ziemlich negativen Akzent bekommt. Irgendwie wirkt das Sprichwort so auf mich, als ob die Familie so etwas wie eine unsichtbare Eisenkugel wäre, die man an einer ebenfalls unsichtbaren Kette ständig mit sich herumschleppt. Natürlich kann die familiäre Herkunft eine Belastung sein, biologisch oder moralisch, wenn es Erbkrank-heiten in der Familie gibt, wenn der Vater oder die Mutter alkoholabhängig sind, wenn man in einem ra-dikalen familiären Umweld aufwächst usw. Natürlich wird es auch zum Problem, wenn man familiäre Er-wartungen und Verpflichtungen einfach nicht ab-schütteln kann, wenn einen das Elternhaus, wenn Pflege von Familienangehörigen oder wenn Abhän-gigkeitsbeziehungen einen im wahrsten Sinne nicht loslassen. Andererseits gilt: Wer eine Familie hat, der weiß, wo er oder sie hingehört. Familie gibt Geborgenheit, Ori-entierung, Heimat. Familie kann ein echter Segen sein. Aber jeder Einzelne möchte auch seinen eigenen Weg gehen. Dieser Weg kann innerhalb der eigenen Familie verlaufen, oder aber auch möglichst weit weg von ihr.

Liebe Gemeinde! Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen schaue ich auf unseren heutigen Predigttext: In Jesus ist Gott Mensch geworden. Jesus war ein wirklicher, echter Mensch, nicht nur so zum Schein. Und weil Jesus ein wahrer Mensch war, hat auch er eine irdische Familie. Eine Familie, die er sich auch nicht aussuchen konnte. In der Bibel wird vor allem seine Mutter Maria und die Geschwister von Jesus regelmäßig erwähnt. Und jenseits von einem vermeintlichen Familienidyll, das wir uns gerne an Weihnachten mit Blick auf die Krip-pe in Bethlehem machen, jenseits dieser ‚Idylle scheint es im Verhältnis von Jesus zu seiner Familie durchaus Konflikte gegeben zu haben. Dieses konfliktbeladene Familienverhältnis wird an unserem heutigen Predigttext deutlich. Der Evange-list Markus berichtet davon in aller Schärfe. Höre wir, was im 3.Kapitel des Markusevangeliums aufgeschrieben ist:

„Jesus ging in ein Haus. Und da kam abermals das Volk zusammen, sodass sie nicht einmal es-sen konnten. Und als es die Seinen (Familienangehörigen) hörten, machten sie sich auf und wollten ihn festhalten; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen. Und als seine Mutter und seine Brüder vor dem Haus waren, schickten sie zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um Jesus. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“

Liebe Gemeinde! Da knirscht es also gewaltig zwischen Jesus, seiner Mutter Maria und seinen Geschwistern. Offenbar glauben Mutter, Brüder und Schwestern, dass Jesus vollkommen verrückt geworden ist, weil er als Wanderprediger durch die Städte und Dörfer zieht. Da-rum kommen sie und wollen ihn zur Vernunft brin-gen, nach dem Motto: „Statt den armen Leuten Flau-sen in den Kopf zu setzen vom nahen Reich Gottes, stattdessen solltest du dich lieber um deine Familie kümmern. Schließlich ist Mutter Maria inzwischen Witwe. Da gehört es sich gerade für den Erstgebore-nen , dass er für seine seine Mutter und seine Fami-lie sorgt. - Aber Jesus verpasst seiner irdischen Familie einen Korb, wenn man so will.

Ich frage mich: Warum wird diese Begebenheit in der Bibel überliefert? Die Bibel hat sicherlich kein In-teresse daran, Jesus irgendwie in ein schlechtes Licht zu stellen. Es war ganz bestimmt nicht die Ab-sicht des Evangelisten Markus, Jesus als unsozialen Menschen hinzustellen, der schöne Worte vom be-vorstehenden Reich Gottes macht und von der Nächstenliebe redet, gleichzeitig aber die Versorgung seiner eigenen Familie ignoriert, - und das auch noch im Namen Gottes. Nein, das wollte der Evangelist Markus ganz bestimmt nicht. Freilich tut es mir persönlich gut, wenn ich lese, dass Jesus auch mit den Menschen in seiner Familie Kon-flikte ausgetragen hat. Heiligkeit und Gottgefälligkeit entscheidet sich also nicht daran, dass man mit den Seinen niemals streiten darf oder dass man alle Er-wartungen seiner Eltern oder Verwandten erfüllen muss. Aber, ich glaube, darum geht es in unserem Predigttext letztlich nicht. Es geht um eine andere Familie. Es geht hier um die Familie Gottes. Es geht darum, wie Jesus dein Bru-der, wie Gott dein „Vater unser im Himmel“ wird. Als Christen gehören wir immer zu zwei Familien gleichzeitig: Da ist unsere biologische Herkunftsfamilie. Und da ist die Familie Gottes. Und diese zweite Familie, die kann ich mir aussuchen. Für diese Familie entscheide ich mich bewusst. Und für diese be-wusste Entscheidung gibt es sogar eine eigene Feier: Die Taufe in Verbindung mit der Konfirmation. Mit der Taufe werde ich Gottes Kind. Mit der Taufe werde ich Schwester oder Bruder von Jesus. Und diese Fa-milienzugehörigkeit prägt mich ein ganzes Leben lang. Ich kann auf Abwegen geraten, kann Gebote verletzen, kann aus der Kirche austreten. Die Taufe bleibt bestehen. Ich drücke es immer gerne so aus: Du kannst vielleicht aus der Kirche austreten, aus Gott kannst du nicht austreten. Ob dir das gefällt oder nicht. Ob du es wahrhaben willst, oder nicht. So ist Familie eben. Du kannst auch deiner christlichen Familie den Rücken kehren. Trotzdem wird sie deine Familie bleiben. Der einzige Unterschied ist eben der: Zur Familie Gottes musst du dich entscheiden. Die Nähe Gottes musst du aktiv suchen. Mir persönlich ist es bei Taufgottesdiensten immer ganz wichtig, dass ich mit den Eltern und Paten ei-nen Einzug in die Kirche mache, ähnlich wie bei der Trauung. Mir geht es dabei nicht um das Gefühl von Feierlichkeit, sondern eben um das bewusste Zu-Gott-Gehen: Wir bringen unser Kind zu Gott. Wir wollen, dass unser Kind dazugehört. Deshalb ziehen auch die Konfirmanden beim Festgottesdienst zur Konfirmation in die Kirche ein, weil damit der Weg zu Gott sichtbar gemacht wird.

Jesus sagt: Zur Familie Gottes gehören diejenigen, die Gottes Willen tun. Damit ist nicht in erster Linie das Moralische gemeint. Das gehört natürlich auch dazu: Natürlich versuche ich als Kind Gottes, ein rechtschaffenes Leben zu führen, nicht zu töten, nicht gierig zu sein usw. Aber zuallererst geht es um das erste Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott.“ Andere Götter brauchst du nicht wirklich. Gottes Willen tun heißt also: Die Nähe Gottes suchen, so, wie die Zuhörer in dem Haus, von dem unser Predigttext erzählt, die Nähe von Jesus gesucht haben. Darum bezeichnet Jesus sie auch etwas pointiert und in Auseinandersetzung mit Mutter Maria und seinen Ge-schwistern als seine Familie, gemeint ist die Familie Gottes. Aber er bricht nicht mit seiner irdischen Familie.

In diesem Zusammenhang finde ich es bemerkens-wert, dass Monate, vielleicht auch Jahre später Maria als eine der wenigen unter dem Kreuz von Jesus stand. In der schwersten Stunde also war es dann doch wieder die Familie, also die Herkunftsfamilie, die Jesus die Treue gehalten hat. Scheinbar haben die verbalen Auseinandersetzungen und die Konflik-te, wie sie in unserem Predigttext geschildert wur-den, nicht zur endgültigen Trennung von Jesus und seiner irdischen Familie geführt. Hinzu kommt außerdem, dass einer der leiblichen Brüder von Jesus, dass der sogenannte Herrenbruder Jakobus in der Urgemeinde, also in der frühen Kirche eine ganz wichtige Rolle gespielt hat.

So zieht sich also die Familie wie ein roter Faden durch das Leben von Jesus. Und zwar die Familie, in die er hineingeboren wurde, und die Familie zu der er von seinem Wesen her gehört, zu Gottes Familie. Denn Jesus ist nicht nur wahrer Mensch, sondern auch wahrer Gott.

Liebe Gemeinde! Als Christen sind wir immer Bürger zweier Welten. Und wir sind Mitglieder zweier Familien. Ja, wenn man geheiratet hat, kommen sogar drei Familien und mehr Familien zusammen. Gut, dass wir Familie haben. Gut, dass wir Gottes Kinder sind. Lasst uns darum seine Nähe suchen, Denn wo eine gute Familie ist, da können wir so sein, wie wir sind, da müssen wir nichts und niemandem etwas vorspielen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alles Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen

 

Pfarrer Hartmut Klausfelder

„Zeig mir deinen Schatz

Liebe Gemeinde! Nach der eben gehörten Evangeliumslesung vom „Schatz im Acker“ und der „Kostbaren Perle“ hat es mich gereizt, eine Predigt unter folgendem Thema zu halten: „Zeig mir deinen Schatz“ 

Was ist eigentlich ein Schatz?

Wenn man ein Kind fragt, bekommt man in der Regel eine klare Antwort: Ein Schatz liegt in einer großen Truhe, besteht aus Geld, Schmuck oder Perlen oder anderen glitzernden Dingen - und liegt versteckt unter der Erde.

Diese Definition ist durchaus zutreffend, wie ich nach einem Blick in diverse Lexika festgestellt habe. Im Lexikon erfährt man nämlich folgendes zum Stichwort: Das Wort „Schatz“ kommt aus dem Althochdeutschen und heißt übersetzt nichts anderes als: Geld, Geldstück oder Vermögen. Und im Internetlexikon „Wikipedia“ steht dann noch: Nach deutschem Recht ist ein Schatz eine Sache, die so lange verborgen gelegen hat, dass ihr Eigentümer nicht mehr zu ermitteln ist (§ 984 BGB). Allgemeinsprachlich versteht man unter einem Schatz eine (nicht unbedingt verborgen liegende) Ansammlung großer Sach- oder Vermögenswerte, meist in Form von Schmuck, Juwelen oder Münzen. Im übertragenen Sinne lassen sich auch ideelle Werte und überhaupt all das, was von der Allgemeinheit oder von einem Einzelnen als ganz besonders wertvoll geschätzt wird (auch etwa eine Person, daher der Kosename), als Schatz bezeichnen.

Pfarrer Hartmut Klausfelder