+++ Hier finden Sie besinnliche Texte oder die Predigt vom letzten Sonntag zum Nachlesen. +++
Hier finden Sie einige unserer letzten Predigten und Texte zum Nachlesen. Die Rechte liegen hierbei immer beim jeweiligen Autor (jeweils unter dem Text angegeben).
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43Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa aufbrechen. Da traf er Philippus. Jesus sagt zu ihm: »Folge mir!« 44Philippus kam aus Betsaida, das ist die Stadt, aus der auch Andreas und Petrus stammten. 45Philippus sucht Natanael auf und sagt zu ihm: »Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz geschrieben hat und den die Propheten angekündigt haben. Es ist Jesus, der Sohn Josefs. Er kommt aus Nazaret.« 46Da fragte ihn Natanael: »Kann aus Nazaret etwas Gutes kommen?« Philippus antwortete: »Komm und sieh selbst!« 47Als Jesus Natanael zu sich kommen sah, sagte er über ihn: »Das ist ein wahrer Israelit: ein durch und durch aufrichtiger Mann!« 48Da fragte ihn Natanael: »Woher kennst du mich?« Jesus antwortete: »Noch bevor Philippus dich rief, habe ich dich unter dem Feigenbaum gesehen.« 49Natanael erwiderte: »Rabbi, du bist der Sohn Gottes. Du bist der König Israels!« 50Jesus antwortete: »Glaubst du das, weil ich dir sagte, dass ich dich unter dem Feigenbaum gesehen habe? Du wirst noch viel größere Dinge zu sehen bekommen!« 51Und er sagte zu ihm: »Amen, amen, das sage ich euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen. Und die Engel Gotteswerden vom Menschensohn zum Himmel hinaufsteigen und von dort wieder zu ihm herabsteigen!« (Johannes 1,43-51)

Liebe Gemeinde! Ich habe den Wirbenzer und Immenreuther Kir-chenvorständen in unserer letzten Sitzung eine „Panorama-Predigt“ versprochen. Dieses Verspre-chen möchte ich heute einlösen. Außerdem liegt natürlich nahe, an der Burgruine Waldeck mit ih-rem herrlichen Rundumblick das „Panorama“ zum Predigtthema zu machen.

Dazu ist es natürlich hilfreich, wenn man sich als erstes überlegt: Was bedeutet denn eigentlich der Begriff „Panorama“? Panorama leitet sich aus zwei altgriechischen Wörtern her:

Pan = alles

horan = sehen

panhorao = Ich sehe alles.

Auf den ersten Blick lässt sich dieser Begriff gut mit unserem gängigen Gottesbild in Beziehung setzen: Gott hört alles und sieht alles. Wir glauben an einen Gott, der sozusagen das „Absolute Panorama“ hat. Nichts bleibt ihm verborgen. Viele von Ihnen kennen diese Gottesvorstellung natürlich aus pädagogisch-erzieherischen Zusammenhängen. Wie oft ist Kindern früher und manchmal auch noch heute gedroht worden, wenn sie etwas ausgefressen hatten und nicht zugeben wollten: „Pass auf! Der liebe Gott sieht alles!“ Mit solchen Mahnungen hatten die strengen Eltern von der Sache her zweifellos recht. Du kannst Gott nicht davonlaufen und vor ihm auch nichts verheimlichen. Ich bin auch sicher, dass sich Gott nicht gerade darüber freut, was oft im Verborgenen oder hinter verschlossenen Türen von uns Menschen getrieben wird. Umgekehrt frage ich mich aber, ob Gott über manche Streiche unserer Kin-der, nicht eher herzhaft gelacht hat, als sie empört zu bestrafen, auch, wenn manche gestrenge Eltern sich das gerne so vorstellen.

Das wäre das eine, liebe Gemeinde, was zum Begriff „Panorama“ zu sagen wäre: Die altbekannte Vorstellung des allsehenden allgegenwärtigen Gottes, eines Gottes der weiter sieht als wir, weil er eben den absoluten Weitblick hat. Ich möchte den Begriff Panorama heute aber auch auf uns und unseren Glauben übertragen und zwar mit folgendem Leitsatz: „Glauben heißt – das Leben in der Gesamtansicht genießen, im vollen Panorama genießen“. Ich bin der festen Überzeugung: Wenn wir den Glauben wirklich ernst nehmen, dann bekommen wir einen weiteren Blick, dann haben wir mehr Pa-norama als vorher. Wer glaubt, der sieht mehr. Wer glaubt, der erkennt vor allem die Zusammen-hänge.

Ich möchte Ihnen das gerne an praktischen zwei Beispielen aus unserem Leben zeigen: Wenn ich fragen würde: Welches sind die wichtigsten Bestandteile, die ein gelingendes Leben, ein erfülltes Leben ausmachen? Wann kannst du dein Leben als „erfüllt“ betrachten? Was würden Sie sagen? Ich gehe einmal auf zwei Dinge für ein erfülltes Leben etwas genauer ein:

1. Als erstes müssen wir da über das Geld reden. Alles andere wäre scheinheilig und verlogen. Wer ist nicht der Ansicht, dass zum erfüllten Leben genügend Geld gehört. Und Recht hat jeder, wenn er so denkt. Wer möchte sich nicht auch einmal etwas leisten können, sich und seiner Familie einen kleinen oder größeren Wunsch erfüllen, endlich ein größeres Auto, ei-ne neue Küche oder den heiß ersehnten Urlaub auf Kreta und und und. Das ist doch auch Leben, oder? Umgekehrt habe ich in den 18 Jahren, in denen ich im Fichtelgebirge gelebt habe, und in den 8 Jahren in der nördlichen Oberpfalz viele Menschen kennen gelernt, die haben ihre Region in der sie aufgewachsen sind, nie ver-lassen, - bis auf die Männer in den Kriegsjahren vielleicht. Haben dann alle diese Menschen, die aus beruflichen und auch aus finanziellen Gründen nie über den Nachbarort und die nächstgrößere Stadt hinausgekommen sind, haben die dann ein defizitäres Leben geführt und nicht erfüllt gelebt? Doch nicht wirklich, oder? Es geht beim vollen Lebenspanorama nicht nur ums Geld, nicht um die Quadratmeterzahl der eige-nen Wohnung, nicht um Designerküche und Markenkleidung, nicht um Flugreisen. Es geht den wahren Reichtum. Reich ist mein Leben vor allem dann, wenn ich richtige und gute Freunde habe, wenn ich Menschen habe, die mich ernst nehmen, achten und lieben. Reich bin ich, wenn ich mit meinen Möglichkeiten und Fähigkeiten zum Zuge gekommen bin. Das kann der Bauer auf dem Feld genauso sein, wie der Manager ei-nes weltweiten Großkonzerns, der alle paar Wo-chen einmal die Welt umrundet. Reich bin ich, wenn ich glauben kann. Glauben, dass diese Welt trotz allem von Gott regiert wird und nicht von den Kriegstreibern und Profitgierigen, die unsere Welt seit Jahrhunderten immer wieder an den Rand des Abgrunds bringen. Reich bin ich, wenn ich die Nähe Gottes suche und, wenn ich bei dieser Suche spüren darf: Da kommt etwas zurück bei meiner Suche. Ich spüre et-was von der Gegenwart Gottes, die mein Leben trägt. Das ist Reichtum, nicht der zynische Atheist und stolze Heide, der alles anzweifelt und am Ende der Welt mit seiner Skepsis un-tergeht. Reich ist nicht der, der aus der Kirche austritt, weil er sich dadurch ein hundert Euro spart. Reich ist der, in Einklang mit Gott und mit seiner Bestimmung lebt.

2. Kommen wir zum zweiten Beispiel: Insbesondere seit den 1990er Jahren sahen und sehen vie-le Zeitgenossen das Leben vor allem dann als erfüllt an, wenn sie viel Spaß gehabt haben. Gut fünfzehn Jahre später machten Bücher und Artikel die Runde, die das Ende der Spaßgesell-schaft ausriefen: Sie setzten sich kritisch mit den Menschen auseinander, die nur den ober-flächlichen Freuden und Belustigungen hinter-herrennen. Die Sinnlosigkeit und die Leere des eigenen Lebens werde durch ein immer höheres Tempo, durch immer schnellere Rhythmen und immer gigantischere Lautstärke ohne Pausen zugedeckt. Wieder fünfzehn Jahre später liest man jetzt in vielen Zeitungen erneut vom „Ende der Spaßgesellschaft“ durch die Corona-Pandemie. Das Lebensgefühl der 90er Jahre hätte nun endgültig ausgedient. Die Frage stellt sich: Wie viel Spaß braucht ein Mensch, um das volle Lebenspanorama zu haben. Wann wird Spaß zur gefährlichen Droge, - und wann wird aus der Kritik an der Spaßgesellschaft eine hu-morlose Lebensfeindlichkeit? Freilich, ein Leben ohne Spaß ist schlicht und ergreifend öde und langweilig. Und gerade in manchen fundamentalistisch-frommen Kreisen kann es schon einmal erschreckend langweilig und lustfeindlich zugehen. Das ist schon wahr. Ich habe auch gern Spaß, aber nicht nur. Und alles zu seiner Zeit. Ich würde sagen, dass ich das volle Panorama des Lebens dann genossen habe, wenn ich Spaß und Freude, aber auch Leid mit anderen geteilt habe, wenn ich rauschende Feste mitgefeiert habe, aber auch die tiefen Täler der Trauer und der Krisen durchwandert habe. Ein Leben, das nicht fähig ist zum Leiden, das ist kein wirkliches Leben, das ist eine Illusion, das ist wie eine immer junge und schöne Modepuppe, schön anzusehen, aber letztlich hart und kalt. Das volle Panorama ist die geteilte Freude und das geteilte Leid in guten und in bösen Tagen.

Liebe Gemeinde! In unserem Evangelium, das wir vorhin als Lesung gehört haben, bietet Jesus dem Neujünger Natha-nael das volle Lebens- und Glaubenspanorama an: Nathanael, der umworbene neue Jünger, meint am Anfang: „Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen?“ Jesus, ein Wanderprediger aus der hin-tersten Provinz, das klingt nicht sehr prickelnd, das klingt nicht nach Heil und Leben in Fülle, nicht nach Panorama, eher schon nach Provinz.

Nicht selten hört aus dem Süden Bayerns bis heute Stimmen, die sinngemäß sagen: „Was kann aus Oberfranken oder aus der Oberpfalz schon Gutes kommen?“ Darauf kann man nur antworten: Die haben eben keine Ahnung von unserem Panorama. Und manchen Münchnern würde der bescheidene bodenständige Glaube der Menschen hier sicherlich guttun.

Aber zurück zu Jesus: Wissen Sie, was Jesus dem zweifelnden Nathanael sagt: „Du wirst noch Größeres als das sehen, was du bisher gehört und gesehen hast.“ Jesus spricht die Verheißung aus, dass selbst die Jünger noch lange nicht alles gesehen und erlebt haben. Und dann nimmt Jesus seine Jünger mit auf den Weg. Ein Weg, der durch Dick und Dünn führt, und durch den Tod zu einem neuen Leben. Mit Jesus teilen die Jünger Freud und Leid, stehen am Ende aber als die Gewinner da. Nicht, weil sie viel Geld haben, aber sie haben das Leben in einer unglaublichen Weite gesehen, ein Leben das dem Tod tief in die Augen geschaut hat und das den Tod überwunden hat. In diesem Sinne, liebe Gemeinde, lade ich Sie ein. Kommen Sie und erleben Sie die wunderbare Weite des Glaubens an Jesus Christus. Er bietet uns ein Panorama, wie wir es noch nie gesehen haben. Wie sagt Jesus: „Ihr werdet den Himmel offen sehen – und die Engel Gottes herauf- und herabfahren über dem Menschensohn.“

Wow - Was für ein Panorama!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Pfarrer Hartmut Klausfelder

Liebe Gemeinde!

Den Predigttext für den heutigen Pfingstgottesdienst kennen Sie alle. Es handelt sich um die legendäre Geschichte vom „Turmbau zu Babel“. Mit solchen bekannten Geschichten ist das immer so eine Sache: Man kennt nicht nur den Inhalt, man hat in der Regel auch seine feste Meinung über den Sinn und die Aussage, die diese Geschichte für uns besitzt. Mit anderen Worten: Jeder und jede hat den Text für sich schon interpretiert, bevor er oder sie ihn richtig hört. Beim „Turmbau zu Babel“, so die geläufige Auslegung, handelt es sich um ein Gleichnis auf die anmaßende Selbstüberschätzung des Menschen. Der Mensch will sein wie Gott. Das führt dazu, dass nicht nur die sprichwörtlichen Bäume, sondern auch die Türme, die der Mensch baut, in den Himmel wachsen. Diese Anmaßung bestraft Gott, indem er die Menschen mit verschiedenen Sprachen verwirrt und in alle Winde zerstreut. So entstehen die verschiedenen Kulturen und Völker. Die Verschiedenheit und das mangelnde Verständnis der Völker ist also Ausdruck der Strafe Gottes für menschliche Anmaßung. An Pfingsten nun wird durch ein Sprachenwunder diese Verschiedenheit geheilt und überwunden. Der Heilige Geist heilt die Wunde, die durch den Turmbau zu Urzeiten geschlagen wurde.

Soweit die gängige Interpretation eines „Klassikers“ aus der Bibel. Ich möchte heute den Versuch unternehmen, die Geschichte vom „Turmbau zu Babel“ aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten: Welchen Sinn hat diese Erzählung, wenn die Vielfalt von Sprachen und Kulturen nicht Bestrafung wäre, sondern genau das Gegenteil: Befreiung und Segen? Was wäre, wenn diese Geschichte aus der Urzeit ein Teil in Gottes Plan zum Heil ist und nicht eine kurzfristige Notmaßnahme, weil es die Menschen zu wild treiben. Hören wir an dieser Stelle auf die bekannten Worte aus dem 1. Buch Mose, im 11. Kapitel, die Erzählung vom Turmbau zu Babel:

„Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.“

Liebe Gemeinde! In der Geschichte der Menschheit tut sich etwas. So erzählen es uns die ersten 11 Kapitel im 1. Buch Mose: Waren die ersten Menschen ausschließlich Viehzüchter und Ackerbauern, so entwickelte sich im Lauf der Zeit daneben auch städtisches Leben. Menschen gründeten also Städte. Um den Zusammenhalt in den Städten zu sichern und dadurch an Macht und Einfluss zu gewinnen, schaffen die Städtegründer eine Kultur. Eine Kultur der Einheit. Diese Einheitskultur braucht sichtbare Zeichen. Mächtige Zeichen. Im Falle unserer Erzählung ist das ein Turm, der bis in den Himmel reicht.

Was hier passiert, liebe Gemeinde, das kennen wir aus der Weltgeschichte nur zu gut: Immer dann, wenn autoritäre Herrschaftssysteme ihre Macht festigen wollten, dann haben sie das mit einer Einheitskultur versucht. Einheitskultur heißt nicht nur, dass eigene Meinung und Widerspruch nicht geduldet wurden, dass Andersdenkende verfolgt, eingesperrt, „umerzogen“ oder hingerichtet werden. Die Einheitskultur spiegelte sich auch in Kolossalbauten und Monumentalarchitektur. Hier zieht sich ein roter Faden vom Turm in Babylon über die Architektur des Römischen Reiches über die imposanten Bauwerke und Denkmäler aus der NS-Zeit bis hin zu den Herrschaftsgebäuden in Nordkorea. Überall begegnet einem das gleiche Schema: Gigantische Bauwerke, die alle die gleiche martialische Handschrift tragen, Symbol einer mächtigen Einheitskultur, die alles andere überragt und überlagert und die keine andere Kultur zulässt.

Etwas selbstkritisch muss ich bei den Monumentalbauwerken auch manche Kirchen erwähnen, die in unserer langen Geschichte nicht selten Zeichen von Macht autoritärer Herrscher gewesen sind. Auch unsere Kirche in Neustadt am Kulm, die für den kleinen Ort ja völlig überdimensioniert ist, mit dem großen markgräflichen Wappen an der Decke, sie zeigt deutlich, wer hier das weltliche Sagen hatte und wem sich auch die Kirche unterzuordnen hat. Natürlich ist es ein unerhörter Vergleich, Kirchengebäude mit dem Turm zu Babel zu vergleichen. Und ich möchte Kirchen auch nicht in einer Linie sehen mit den Propagandagebäuden aus der Zeit des Nationalsozialismus. Und trotzdem ist es gut, wenn man sich klarmacht, wie auch die Architektur kirchlicher Gebäude in unserer Geschichte nicht selten für machtpolitische Interessen missbraucht wurde.

Aber kommen wir zurück zum Turm der Stadt Babylon. Dieser Turm steht also für menschliches Machtstreben, das die göttliche Vielfalt der Schöpfung durch eine autoritäre Kultur der Einheit unterdrücken möchte. Gott sieht, was sich da zusammenbraut. Aber Gott ist kein Gott, der die Menschen in erster Linie für ihre Überheblichkeit und Sündhaftigkeit bestrafen möchte. Gott ist ein Gott, der die Menschen aus dem Gefängnis einer machtbesessenen Einheitskultur befreien will. Gott möchte die Menschen retten aus den Klauen des Einheitsdenkens. Darum weist er die Städtebauer in ihre Schranken, indem er eine Vielfalt an Sprachen unter die Menschen schickt. Mit dieser Sprachenvielfalt entmachtet Gott die autoritären Herrscher in der Stadt und befreit die Menschheit vom Joch des gewaltsamen Einheitsdenkens. Die Zerstreuung über die ganze Erde, von der am Ende unseres Predigttextes die Rede ist, ist also letztendlich eine Befreiung vom Joch der Diktatur, nicht Bestrafung. Die Pfingstgeschichte, die wir vorhin als biblische Lesung gehört haben, wäre dann nicht das Gegenstück zur Turmbaugeschichte, sondern die Vollendung des göttlichen Plans. Gott möchte die Vielfalt der Lebewesen, der Völker und Kulturen. Aber Gott möchte auch Gemeinschaft über Völker und Grenzen hinweg. Darum schickt er an Pfingsten den Heiligen Geist. Dieser Heilige Geist bewirkt nicht eine neue Einheitskultur, sondern er schafft Einigkeit.

Einigkeit statt Einheit. Das ist ein kleiner, aber wichtiger Unterschied. Natürlich ist es schön, eins zu sein und Zusammenhalt zu spüren. Das gilt für das Miteinander von Evangelischen und Katholischen, das gilt für Kirchengemeinden, Vereine, Parteien und Familien. Aber eine gute Einheit braucht Einigkeit. Und Einigkeit setzt Verschiedenheit voraus, sonst braucht man sich ja nicht zu einigen. Einigkeit setzt auch voraus, dass man freiwillig, ohne Druck und Zwang zusammenkommt. Genau diese Einigkeit entdecke ich in dem Pfingstwunder, das uns der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte schildert: Als die Jünger in Jerusalem begeistert von Gottes Taten erzählen da passiert es. Wir nennen es oft das „Sprachenwunder“. Denn jeder hört die Jünger aus Galiläa in seiner eigenen Sprache reden. Aber, strenggenommen, handelt es sich nicht um ein Sprachenwunder, sondern um ein „Hörwunder“. Die Jünger reden in ihrem galiläischen Dialekt, aber jeder und jede in Jerusalem versteht sie. Der Geist Gottes schafft es, die Menschen, die aus allen möglichen Ländern in Jerusalem zusammengekommen sind, miteinander zu verbinden, ohne Waffengewalt, ohne Eroberung, aber mit viel Verständnis. Ein Hörwunder eben ….

Am Anfang der Einigkeit steht das Hören aufeinander – und das Verstehen des anderen in seiner Andersartigkeit. Das ist der Anfang von Heilung und Heil. Das ist auch der Anfang von wirklicher Freiheit. Freiheit heißt nicht, dass jeder tun und machen kann, was er will. Freiheit heißt: Ich in meiner Andersartigkeit werde verstanden und respektiert. Und ich selbst respektiere auch, dass die anderen anders sind. Und trotzdem sind wir uns einig. Wir sind uns einig, dass dieser Gott, der uns in Jesus Christus nahegekommen ist und der uns seinen Geist schickt, dass dieser Gott uns frei und glücklich macht, dass er uns stark macht. Es ist eine Stärke, die von innen kommt und die ganz ohne Monumentalbauten auskommt. Es braucht keinen Turm in Babylon. Es braucht auch keine Kirchen, die noch prächtiger ausgestattet und noch größer geplant sind. Es braucht Menschen, die aufhorchen, die staunen und die aufeinander hören. Das ist Pfingsten. Liebe Gemeinde! Das Pfingstwunder und der Predigttext vom „Turmbau zu Babel“, beide Texte machen uns auf ihre Weise klar, was uns als Menschen und als Gemeinschaft stark macht. Wir brauchen Stärke in dieser krisengeplagten Zeit. Wir brauchen innere Stärke und nicht Unterdrückung. Wir brauchen Stärke in allerlei Krisen, die uns persönlich heimsuchen. Krisen, die unsere Familien belasten, die manchmal Gruppen und Kirchengemeinden spalten oder die auch die ganze Welt zu spalten drohen in Geimpfte und Nicht-Geimpfte.

Was wir nicht brauchen, ist eine Einheitskultur nach dem Motto: Wir halten zusammen gegen den Rest der Welt. - Nein, nicht gegen den Rest der Welt, sondern zusammen mit dem Rest der Welt. Dagegen macht uns stark, dass wir gut und genau zuhören. Uns macht stark, dass wir für das, was wir hören, Verständnis aufbringen, dass wir deshalb auch Kompromisse schließen müssen. Uns macht stark, dass wir nicht vorschnell urteilen und Vorurteile hinausschreien. Uns macht stark, wenn wir vergeben, statt gleich nach Strafe zu rufen. Uns macht stark, dass wir auf die Kraft des Heiligen Geistes vertrauen. Nicht wir sind stark, sondern der Geist ist stark in uns. Wenn wir diese Stärke einüben und pflegen, gerade in schweren Zeiten, dann mache ich mir um die Kirche keine Sorgen. Denn dann sind nicht die Menschen die Macher, die meinen, sich einen Namen machen zu müssen und die glauben, ihren guten Ruf um jeden Preis retten zu müssen. Dann ist Gott selbst am Werk. Unser Gott macht alles neu. Er macht es gut. Er macht es bunt und vielfältig.

Freilich, der Weg der Einigkeit und der versöhnten Verschiedenheit, der Weg der Vergebung ist immer ein weiter Weg. Und es ist ein schwerer Weg. Andere zu verurteilen, die anders sind, das ist leicht. Und schnell hat man den andern mit Gewalt in die Knie gezwungen und seinen Willen gebrochen. Pfingsten zeigt uns aber, dass es sich lohnt, diesen langen und oft mühsamen Weg der Einigkeit bei aller Unterschiedlichkeit zu gehen. Denn dieser Weg macht uns stark und schenkt Freiheit.

Liebe Gemeinde! Heute vor 72 Jahren, am 23. Mai 1949, wurde das Grundgesetz verabschiedet. Dieses Gesetz wurde unter dem Eindruck der Schrecken des zweiten Weltkriegs verfasst. Die Menschen hatten gesehen, welche grausamen Abgründe sich durch eine monumentale Einheitskultur aufgetan haben. Die Väter und Mütter des Gesetzes haben deshalb zu Beginn die unveräußerliche Würde und die Grundrechte eines jeden Menschen festgehalten. Auch unser Grundgesetz verpflichtet zur Einigkeit: Aber es verpflichtet zur Einigkeit in aller Verschiedenheit und in der Ehrfurcht vor Gott. Lasst uns dieses Gesetz in Ehren halten und danach handeln. Denn ich bin überzeugt. Auch im Grundgesetz weht ein guter, ein Heiliger Geist. Amen.

(Hartmut Klausfelder, nach einer Predigtidee von Marion Schmager aus "Werkstatt für Liturgie und Predigt", Ausgabe Mai 2021)

 

Pfarrer Hartmut Klausfelder

Liebe Gemeinde!

Unsere Kirche wird kleiner, - ganz gleich, ob man jetzt auf die evangelische oder auf unsere katholische Nachbarkirche schaut. Die christliche Kirche ist nicht tot – und auch nicht gesellschaftlich irrelevant. Darüber mache ich mir keine Sorgen. Aber wir werden kleiner. Die gleichbleibend hohen Zahlen der Kirchenaustritte, die erst in der zurückliegenden Woche wieder bekanntgege-ben wurden, zeigen das ganz deutlich. Dabei wird zwar vergessen, dass eine nicht unerhebliche Zahl an Menschen auch wieder in die Kirche eintritt. Hinzu kommen vereinzelt Taufen von Erwachsenen. Aber diese Eintritte können nicht annähernd mit den Zahlen derer mithalten, die unserer Kirche den Rücken kehren. Unsere Kirche wird kleiner. Das ist kein Grund für Panikattacken. Aber dieser Realität müssen wir ins Auge schauen.

In diesem Zusammenhang gewinnt das Thema „Mission“ wieder neu Bedeu-tung. Mission findet längst nicht mehr nur in Afrika, im Fernen Osten oder in Papua-Neuguinea statt. Mission ist eine Aufgabe, die vor unserer Haustür be-ginnt. Von daher schadet es nicht, wenn wir uns alle zum Thema „Mission“ Anregun-gen aus der Bibel holen. Wenn von christlicher Mission die Rede ist, kommt man natürlich nicht an der Person des Apostels Paulus vorbei. Paulus, - das ist die Figur des christlichen Missionars schlechthin. Ohne Paulus wäre das Chris-tentum wohl nie so schnell und nachhaltig nach Europa gekommen. Ohne Paulus wäre der Glaube an Jesus Christus vielleicht nie zu einer Weltreligion ge-worden. Also, lasst uns sehen, wie der Apostel Paulus das gemacht hat, und, was das Rezept seines Erfolges war. Im Predigttext für den Sonntag Jubilate befindet sich Paulus gerade auf seiner zweiten Missionsreise. Auf dieser Reise legt der Apostel unter anderem einen kurzen „Zwischenstopp“ in Athen ein.

Athen, das war einmal eine blühende Metropole. Hier waren die Götter in ihren Tempeln zu Hause. Mit der Besetzung durch die Römer sank die Stadt fast in die Bedeutungslosigkeit ab. Aber die Sehnsucht der Bewohner an Lehren für ein glückliches Leben, die blieb ungebrochen. Paulus stand vor der Herausforderung, wie man hier den christlichen Glauben so predigen kann. Die Athener sollten seine Botschaft ihn in ihrer Gedanken-welt verstehen. Paulus predigte in der Synagoge in Athen. Die Synagogen, die jüdischen Ge-meinden, das waren immer die ersten Adressen auf seinen Missionsreisen. Aber was sollte er in der verbleibenden Zeit tun? Paulus ging durch die Straßen und sah eine Galerie von kleinen und großen Tempeln für die verschiedenen Gottheiten, die dort von den Athenern angebetet wurden und denen geopfert wurde, damit sie ihnen wohlgesonnen bleiben. Darunter war ein Tempel, der dem „unbekannten Gott“ gewidmet war. So gingen die Athener auf Nummer sicher. Keine Gottheit sollte sich vernachlässigt fühlen. Niemand wollte in Ge-fahr laufen, wegen der Missachtung einer Gottheit, die man vielleicht nicht kennt, bestraft zu werden. Ganz pragmatisch gedacht war das also, dieser Tempel für den „unbekannten Gott“. Paulus „ergrimmte darüber“, so heißt es in der Apostelgeschichte des Evangelisten Lukas. Paulus schüttelte den Kopf über die vielen Götterstatuen und die vielen Opfer auf allen möglichen Altären. Inzwischen werden die Leute und die Philosophen aufmerksam auf den christlichen Missionar. Was bringt der fremde Mann für eine Lehre mit? Verträgt sie sich mit den eigenen Lehren? Es kommt zu Gesprächen zwischen Paulus und den Bewohnern aus Athen. In der Apostelgeschichte wird weiter berichtet, dass es dabei zu einem Streit kam. „Was will uns dieser Schwätzer sagen“, so übersetzt Martin Luther. Diese Übersetzung hört sich noch sehr gemäßigt an. Wie stark der Gegenwind für Paulus wirklich war, zeigt die wörtliche Übersetzung aus der griechischen Originalsprache: „Was will uns diese Saatkrähe sagen?“ Abfälliger geht es eigentlich nicht mehr. Erfolgreiche Missionsarbeit sieht anders aus …..

Vielleicht waren diese ersten ernüchternden Begegnungen in Athen auch der Grund dafür, dass Paulus seine Strategie umstellt. Paulus wählt im weiteren Verlauf seines Athen-Aufenthaltes einen diplomatischeren Weg. Wie dieser Weg des christlichen Diplomaten Paulus aussah, das erzählt uns der für heute vor-gesehene Predigttext. Paulus hat sich dort auf den so genannten „Areopag“, den „Areshügel“ bege-ben, ein Hügel im Westen der Akropolis. Dort tagte regelmäßig der Hohe Rat der Stadt und hielt Gericht. Ich lese aus der Apostelgeschichte im 17. Kapitel:

„Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach:Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt. Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Men-schengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden woh-nen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von ei-nem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht. Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat. Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein an-dermal weiterhören. So ging Paulus von ihnen. Einige Männer schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.“

Liebe Gemeinde! Paulus hat sich sicherlich über die Leute geärgert, denen er in Athen begegnet ist. Und er hat sich, wie wir vorhin gehört haben, auch geärgert über die Vielzahl an Götzentempeln in der griechischen Metropole. Aber er wollte die Athener für das Evangelium von Jesus Christus gewinnen. Da ist es nicht ratsam mit seinem Ärger anzufangen, den Menschen Vorwürfe zu machen, oder sie von oben herab zu belehren. Das ist vielleicht das erste, das wir von Paulus lernen können: Wir möchten doch heute auch wieder die Menschen für unseren Glauben gewinnen. Dann tun wir auf jeden Fall gut daran, sie nicht mit unserem Frust und Ärger zu konfrontieren.

Grund dazu hätten wir natürlich: Die Tempel der verschiedenen Götter stehen in unseren Metropolen immer noch. Nur sind sie nicht dem Zeus oder der Aph-rodite geweiht. Stattdessen sehnen sich die Leute in Scharen nach den Ein-kaufstempeln, nach den Gourmet-Tempeln und Restaurants. Und für nicht we-nige Intellektuelle besitzen die Kulturtempel, die Konzerthäuser und Ausstellungssäle einen quasi religiösen Wert. Die Corona-Krise hat das, finde ich deut-lich herausgearbeitet. Die Kirchen sind offen, die Einkaufs- Essens- und Kultur-tempel müssen größtenteils schließen. Das empfinden viele als ungerecht. Und die manchmal bissige Kritik dieser scheinbaren Ungleichbehandlung kann man ja seit Monaten in den Medien und sozialen Netzwerken nachlesen. Aber es hat keinen Sinn, darauf zu schimpfen, dass die Leute nicht in die Kirche, dafür aber lieber zum Shoppen und ins Wirtshaus gehen. Damit gewinnt man keine Seele für das Evangelium

Auch Paulus geht in Athen auf seiner Missionsreise einen anderen Weg: „Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt.“ Mit diesen Worten beginnt er seine Rede auf dem Areopag, dem traditionsreichen Versammlungs- und Gerichtsplatz. Paulus spricht anerken-nend von der Religiosität der Bevölkerung in der Stadt. Er nimmt ihre Vorstellungen ernst. Er stellt sein Urteil über die Athener und ihren Götterglauben zunächst einmal zurück. Das ist klug von Paulus. Vor allem aber ist das eine Gesprächshaltung, die ei-nen Dialog überhaupt erst möglich macht. Paulus lobt also und zollt den Athenern für ihr religiöses Engagement Respekt. In einem zweiten Schritt sucht der Apostel Anknüpfungspunkte bei den Athe-nern, - und er findet sie auch: „Ich fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott´. Ich verkündige euch, was ihr un-wissend verehrt.“ Spätestens jetzt hat Paulus die Zuhörer auf seiner Seite. Ganz elegant hat er die Athener hellhörig und neugierig gemacht: Ich sehe was, was du nicht siehst. Ich kenne jemanden, den du nicht kennst, von dem du aber bereits ei-ne Ahnung hast, - und der heißt Jesus.

Nun wird es Zeit für den dritten Schritt: Paulus sucht die Gemeinsamkeiten zwischen ihrem und seinem Glauben. Er spricht aus, was sie beide verbindet. Er – und das finde ich eine große Leistung des Paulus – überträgt seinen Glauben in die Gedankenwelt und in die religiöse Sprache der Griechen. Ja, Paulus zitiert sogar griechische Philosophen: „Wir sind von seiner Art“, also von „Gottes Art“. Paulus kommt zu dem Schluss: Keinem von uns ist Gott fern. „In ihm leben, weben und sind wir“. Unsere Menschenaufgabe ist es, Gott zu suchen. Dabei müssen wir gar nicht weit reisen, um diesen Gott zu finden. Das Gute liegt so nahe. Es wartet gewissermaßen vor unserer Haustüre. In diesen Gedanken besteht Einigkeit. Das ist unsere Gemeinsamkeit. Natürlich gehört auch zu einem ehrlichen und weiterführenden Dialog das Reden über die Unterschiede.

Darum geht er Apostel Paulus an dieser Stelle den vierten Schritt: Was ist anders bei uns und bei euch? Was unterscheidet Christen und Heiden? Ich zitiere: „Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nun nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht.“ Jetzt wird Paulus kritisch. Aber eben erst im vierten Schritt. Aber was meint Paulus mit seinen kritischen Worten? Er will deutlich machen: Nicht wir opfern den Göttern, damit sie uns wohlgesonnen sind, sondern Gott opfert sich für uns, damit wir ihm unser Vertrauen schenken. Es ist Zeit, das anzunehmen, sagt Paulus; Zeit, umzukehren im Denken und im Glauben. Und da sind wir ganz nahe an der Botschaft, die Martin Luther schon so wichtig war: Nicht wir müssen durch religiöse Leistungen eine Nähe zu Gott herstellen. Gott ist uns durch Jesus längst nahegekommen. Dein Heil musst du dir nicht erarbeiten. Es ist längst da. Es ist für dich da. Du brauchst es nur anzunehmen.

Du solltest es auch annehmen, sagt Paulus dann. Und das ist sein fünfter und letzter Schritt in seiner Areopag-Rede. Zitat: Gott „hat einen Tag festgesetzt, an dem er richten will den Erdkreis mit Gerechtigkeit“. Ganz elegant bezieht Paulus den Ort, an dem er redet, in seine Botschaft mit ein. Der Areopag war für die Griechen immer auch ein Ort des Gericht-Haltens. Hier hält der Hohe Rat der Stadt Gericht. Und Paulus sagt an der gleichen Stelle: Gott kommt euch nahe. Das ist eine frohe Botschaft. Aber diese Nähe Gottes enthält eben auch den Gerichtsgedanken. „Es kommt die Zeit, da wird Gott dir wieder ganz nahe kommen und dich zur Rechenschaft ziehen für das, was du getan oder eben nicht getan hast.“ Paulus lebt ganz in der so genannten „Naherwartung“. Er ist persönlich überzeugt, dass Jesus in nicht allzu ferner Zukunft wiederkommt, um die ganze Erde zu richten. Vor diesem Gericht muss sich niemand fürchten, da nicht nach persönlichen Leistungen gefragt wird. Es wird aber höchste Zeit, sich für Jesus zu entscheiden. Denn mit der Auferweckung stellt Paulus diesen Jesus in den Rang der griechischen Götter, die unsterblich sind.

Diese letzte Behauptung ist allerdings ungeheuerlich für die Ohren der Athener: Ein Mensch, dieser Jesus aus Nazareth, wird durch die Auferweckung von den Toten in den Rang eines Gottes erhoben. Für eine ganze Reihe von Zuhörern war das so nicht akzeptabel. Dementspre-chend überschaubar ist der äußere Erfolg der Rede des Apostels Paulus. Die einen bleiben gleichgültig, andere spotten. Und nur wenige schließen sich der neuen Lehre an. Einige Personen werden sogar mit Namen genannt. Allein daran merkt man schon, wie überschaubar der Missionserfolg des Paulus war.

Liebe Gemeinde! Vor allem dieser scheinbare Misserfolg des Paulus am Ende unseres Predigttextes tut mir gut. Denn er nimmt noch einmal den Leistungsdruck von unseren Schultern. Wenn wir mit unserer Botschaft von Jesus Christus auf die Menschen zugehen, dann sollten wir den Erfolg nicht an Einschaltquoten messen, auch nicht an den Ergebnissen der „Donnerstagsumfrage“: Wenn am Montag Wahltag wäre, welche Kirche, welche Religion würden Sie wählen … ?“ Nein, daran hängt unsere Kirche Gott sei Dank nicht. Wir müssen es nicht nur, wir dürfen es auch ertragen, wenn unsere Kirche kleiner wird. Paulus hatte auch oft Misserfolge ertragen müssen, obwohl er sich redlich bemüht und es auch gar nicht ungeschickt angepackt hat. Und trotzdem ist eine Weltreligion aus dem Glauben an Jesus Christus geworden. Darum dürfen und sollen wir gerade jetzt in die Fußstapfen des Apostels steigen: Ja, wir dürfen uns ärgern über die ganzen pseudoreligiösen Bewegungen und die eigenartigen Blüten, die die religiöse Suche man-cher Menschen treibt. Dann sollten wir uns aber einmal kurz schütteln und nach Anknüpfungspunkten suchen, die die Neugier der Menschen unserer Zeit weckt. Es ist wichtig, wenn wir uns auf die Menschen einlassen. Schließlich wollen wir sie für unsere gute Sache gewinnen. Wenn wir das getan haben, dann dürfen wir auch deutlich machen, was bei uns anders ist, und warum wir anders sind. Wichtig ist dabei eines: Keinem von uns ist Gott fern. Das Gute liegt so nahe. Aus diesem Grund brauchen wir viele Menschen, die auf andere zugehen und das Gespräch über den Glauben suchen. Unsere Kirche steht und fällt zwar nicht mit den Einschaltquoten und Mitgliederzahlen. Aber sie steht und fällt mit Menschen, die im Alltag und vor der Haustüre missionarisch tätig sind. Die Botschaft vom Sieg über Tod und Teufel ist es wert.

Amen.

 

Pfarrer Hartmut Klausfelder

Liebe Gemeinde!

Na, Herr Pfarrer, was machen denn ihre Schäfchen?“

Diese Frage bekomme ich auf Besuchen, bei Ein-weihungen, sowie in Gesprächen verschiedenster Art schon seit Jahrzehnten zu hören. Ganz gleich, aus welchen Motiven mir diese Frage gestellt wird, ob aus Höflichkeit oder, um ungezwungen ein Ge-spräch zu beginnen oder aus wirklichem tieferem Interesse über meine Erfahrungen im Beruf: Das Bild von dem Hirten und seiner Schafherde ist bei vielen Menschen bis heute weit verbreitet, wenn es um „Kirche“ geht. Die Kirche, das ist der Herr „Jesus“, der seine Gläubigen wie Schafe auf einer saf-tigen grünen Wiese weiden lässt. Der Pfarrer oder die Pfarrerin, als die von Jesus besonders Beauftragten, kümmern sich um die Herde Gottes sozusagen als „Unterhirten“. Noch in der Generation meiner Großeltern gab es kaum ein Schlafzimmer, in dem nicht ein gemal-tes, gesticktes oder geschnitztes Bild von Jesus als „Gutem Hirten“ über dem Bett hing. In ländlichen Regionen trifft das auch noch regelmäßig auf die Generation meiner Eltern zu. Ich gebe zu, in unserem eigenen Schlafzimmer hängt kein guter Hirte. Aber das Bild des Guten Hirten ist auch noch in meiner Generation präsent. Und ich muss sagen, dass ich die Vorstellung von Gott als „Guten Hirten“ schon immer geliebt habe. Ich freue mich, wenn ich auf meinen Spaziergängen oder Wanderungen eine echte Schafherde mit Hirten treffe. In unserer Gegend hat man da ja noch recht gute Chancen …. Das Bild von der Herde mit dem Hirten, es strahlt Frieden aus - und das Gefühl der Geborgenheit. Und überhaupt: Als Ehemann einer Frau, die be-geistert Wolle spinnt und der in der Pfarrwohnung gefühlt auf Schritt und Tritt an einem Spinnrad, einer Kardiermaschine, einer Spindel, einem Wollwaschbottich oder an einem sonstigen Gerät im Zusammenhang mit dem Spinnen vorbeikommt, der muss doch ein positives Verhältnis zu Schafen und Hirten haben, oder?

Na, Herr Pfarrer, was machen denn ihre Schäfchen?

Um noch einmal auf die Frage vom Anfang zurückzukommen: Vielleicht fragen Sie sich, was denn der Herr Pfarrer in der Regel darauf antwortet …. Nun, in der Praxis fallen meine Antworten ver-schieden aus. Meine ehrlichste Antwort müsste aber so lauten: „Na ja, meine Schafherde ist inzwischen ein recht komplexes Gebilde geworden.“ Das klingt jetzt nicht besonders begeistert, ent-spricht aber schon der aktuellen Situation. Seit der Zeit meiner Großeltern und Urgroßeltern ist unsere Welt eine ganz andere geworden.

In diesem Zusammenhang muss ich immer daran denken, was der Grundschullehrer meiner Tochter gerne über seine Klasse gesagt hat: „Ich gehe jetzt und unterrichte meine 24 Individualis-ten.“ Unsere Welt ist komplex und unübersichtlich ge-worden. Und die Menschen haben sich passend da-zu entwickelt: Individualisierung ist das Schlagwort, das einem auf Schritt und Tritt begegnet. So schön und wichtig es ist, wenn Menschen als Indi-viduen, als unverwechselbare einzigartige Geschöpfe Gottes wahrgenommen werden. Eine Herde aus 20 oder mehr unterschiedlichsten Einzelwesen zu haben, ist eine richtige Herkulesaufgabe. Das gilt für Schulklassen, das gilt für Kindergarten-, Konfirmanden- und Jugendgruppen, und es gilt natürlich auch für die „Herde“ einer Kirchengemeinde. Dementsprechend anspruchsvoll ist die Aufgabe für einen Hirten geworden. Allein schon das klassi-sche Berufsbild eines Schäfers ist ja nicht ohne.

Auf einer Schweizer Homepage zum Berufsbild eines Hirten, steht unter den „Voraussetzungen“ folgendes: „Hauptsache ist die Freude und die Neu-gier am Umgang mit den Tieren, sowohl mit den Hunden wie auch mit den Schafen. Dazu kommt Verantwortungsbewusstsein, allgemeine Naturverbundenheit, ein wenig Abenteuerlust, Freiheitsliebe – und keine Angst vor einsamen Nebeltagen.“ Vieles von dem, was ich da vorgelesen habe, gilt meiner Meinung nach auch für den Pfarrer oder die Pfarrerin als Hirten: Freude und Neugier (im positi-ven Sinne!) im Umgang mit den uns anvertrauten Menschen, Verantwortungsbewusstsein, Abenteuerlust, Freiheitsliebe - und auch eine gewisse Einsamkeit, obwohl man mit so vielen Menschen Kontakt hat. Das alles sollte man schon im seelischen Reisegepäck mit dabeihaben, wenn man ein Pfarrer werden will. Wenn nun die Herde aber so komplex und indivi-dualistisch veranlagt ist, wie in unseren Tagen. dann steht man vor echten Herausforderungen. Unsere Kirche steht aufgrund der gesellschaftlichen Umwälzungen vor großen Veränderungen, – längst auch im ländlichen Bereich. Und wir Pfarrer stehen mittendrin im Fluss der Zeit. Dazu kommt, dass auch wir Hirten nicht fehlerlos und zahlreichen Versuchungen ausgesetzt sind.

Das war übrigens zu Zeiten der Bibel nicht anders, als heute. Die Propheten im Alten Testament zum Beispiel rügten immer wieder die Herrschenden in Israel, die Könige, Beamten und Priester, wenn sie die Herde Gottes vernachlässigten. Ein Beispiel für eine solche Rüge ist der für den heutigen Sonntag vorgesehene Predigttext. Wir finden ihn beim Propheten Hesekiel im 34. Kapitel:

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Du Men-schenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Her-de weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemäs-tete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt. Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß gewor-den und zerstreut. Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder auf sie ach-tet. So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit ma-chen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zu-rückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. Ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.“

Liebe Gemeinde! Die weltlichen Hirten Israels haben also versagt. Der Prophet Hesekiel beschreibt das ganz scho-nungslos: In die eigene Tasche haben sie gewirtschaftet, die Hirten Israels, die Könige und andere Mächtige. Sie haben sich selbst an der Herde bereichert. Das Ergebnis dieses Missbrauchs an Ver-trauen und Verantwortung war der politische Nie-dergang Israels bis hin zur Katastrophe, der Erobe-rung des Landes durch die Babylonier. Die Herde ist also zerstreut, orientierungslos - und von allen verlassen.

Was aber nun im Predigttext kommt, das finde ich beeindruckend. Gott sagt nicht: So, das geschieht euch recht. Das habt ihr euch selbst eingebrockt, jetzt löffelt die Suppe auch aus. Nein, Gott erklärt das Hirtenamt gewissermaßen zur „Chefsache“. Gott sagt: „Wenn mein Personal das mit dem Hü-ten der Schafe nicht hinbekommt, dann muss ich das selbst übernehmen.“ Im Anschluss daran ent-wirft der Prophet ein wunderbares Hoffnungsbild von üppigen Weiden und von einem Volk, das wieder zueinander findet. Denn Gott sucht das Verirrte und Verlorene. Bei diesen Worten wird natürlich sofort die Erinne-rung wach an das berühmte Gleichnis vom „Verlo-renen Schaf“. Unser Gott ist ein Gott, der das Ver-lorene sucht. Unser Gott ist ein Gott, der selbst Hand anlegt, wenn die beauftragten Unterhirten ihre Hausaufgaben nicht ordentlich machen. Dazu wird Gott selbst Mensch. Und logischerweise wurde Jesus dann auch zum Inbegriff des „Guten Hirten“.

Liebe Gemeinde! Im Jahr 2021 nach Christi Geburt wirkt unsere Herde zerstreuter denn je. Die Gesellschaft erscheint als eine in sich zerstrittene Ansammlung von Einzelpersonen. Die Corona-Krise macht auch diese Tendenz umso deutlicher. Das Christentum derweil ist aufgespalten in unzählige Konfessionen, Freikirchen und Sekten. Inner-halb der Kirchen gibt es eine Vielzahl von Fröm-migkeitsformen und Interessen. Und immer mehr fragen sich: „Was bringt es mir, wenn ich Mitglied bei dieser Kirche bin?“ Die Hirten, also die hauptamtlichen und ehrenamt-lichen Mitarbeiter, sie mühen sich redlich, fühlen sich aber oft überfordert und machen natürlich Fehler. Da empfinde ich es wohltuend, was uns unser Predigttext mit auf den Weg in die Woche gibt: Mach dir keine Sorgen um unsere Kirche. Mach dir keine Sorgen, wenn in der Kirchengemeinde vieles nicht mehr so ist wie früher. Mach dir keine Sorgen, wenn die Kirchen leerer werden. Natürlich lässt uns diese Entwicklung nicht kalt, das soll es auch nicht. Ja, unsere Kirche steckt in einer Krise, - aber nicht in einer Katastrophe. Vor allem aber hat unsere Kirche ihren Hirten. Und dieser Hirte sucht das Verlorene, das Verirrte, das Verstreute und Verwundete. Zweifellos erleben Menschen auch in der Kirche ihre Enttäuschungen. Natürlich gibt es auch in einer Kirchengemeinde Verwundungen und Streit. Aber Gott verlässt seine Kirche nicht. Und er verlässt dich nicht. Und wenn du enttäuscht, vereinsamt oder verwundet bist, dann wird er dich aufsuchen und dich heilen.

Liebe Gemeinde! Wenn sie mich fragen, welches Gesicht unsere evangelische Kirche oder die Kirchengemeinde Neustadt am Kulm in 20 Jahren hat, dann muss ich ehrlicherweise sagen: Ich weiß es nicht. Wir stecken als Gläubige und als Kirchgänger mittendrin in einem Abenteuer. Wir stecken mittendrin in einem Prozess, dessen Ausgang wir jetzt nicht absehen können. Aber das Drehbuch zu diesem Abenteuer schreibt Gott selbst. Dieses Drehbuch ist nicht ohne Drama-tik. Den Höhepunkt haben wir erst vor zwei Wo-chen an Karfreitag und Ostern wieder hautnah miterlebt. Auch in unserer Kirche muss erst etwas sterben, damit etwas auferstehen kann. Aber Gott der selbst dieses Drehbuch geschrieben hat, er sagt: „Ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein.“ Verlassen wir uns auf unseren „Oberhirten“ Jesus Christus in diesen schwierigen Zeiten, in denen sich alles so radikal wandelt. Amen.

 

Pfarrer Hartmut Klausfelder

Dein König kommt in niedern Hüllen,

hn trägt der lastbarn Es’lin Füllen,

empfang ihn froh, Jerusalem!

Trag ihm entgegen Friedenspalmen,

bestreu den Pfad mit grünen Halmen;

so ist’s dem Herren angenehm.

Dein Reich ist nicht von dieser Erden,

doch aller Erde Reiche werden

dem, das du gründest, untertan.

Bewaffnet mit des Glaubens Worten

zieht deine Schar nach allen Orten

der Welt hinaus und macht dir Bahn.

(Evangelisches Gesangbuch Nr. 14,1+3)

Liebe Gemeinde!

Palmsonntag. Jesus zieht in Jerusalem ein. Wie ein König wird er empfangen mit Palmenzweigen. Jesus kommt. Und er kommt in niederen Hüllen. Die äußere Hülle schaut recht bescheiden aus: keine strahlende Ritterrüstung, kein Schwert. Nicht einmal hoch zu Ross erscheint der König der Welt, sondern auf einem Esel, auf einem Lasttier. Freilich können wir sagen: „Der Schein trügt.“ Die Armseligkeit, in der Jesus in Jerusalem einzieht, ist eben nur die äußere Hülle. Aber wir Menschen sind nun einmal auf unsere Augen fixiert. Unsere Augen sind für die allermeisten Zeitgenossen das wichtigste Sinnesorgan. Dementsprechend viel geben wir auf den äußeren, den sichtbaren Eindruck.

Freilich steckt in dem sichtbaren Bild des Königs auf einem Esel auch eine ganz wichtige Aussage: Der Esel ist ein Lasttier, ein Tier, dessen Aufgabe es ist, Lasten zu tragen. Jesus ist nicht gekommen, um auf einem hohen Thron zu sitzen und aus der erhabenen Distanz die Welt zu regieren. Jesus ist gekommen, um unsere Lasten zu tragen, um nahe bei uns Menschen zu sein. Gerade die Schwachen, gerade diejenigen, die viel Leid zu ertragen habe, gerade für die ist er da. Es sind die Menschen, die Leid tragen, die schwer krank sind, die im Sterben liegen, die in Jesus am Kreuz ihren Bruder erkennen. Dem erfolgsverwöhnten Siegertypen bleibt der Messias am Kreuz fremd. Jesus ist gekommen, um die Menschen aufzurichten, die ganz unten sind, die dringend Hilfe und Stärkung brauchen. Diese Stärkung kommt nicht mit große Showeffekten, nicht mit Donner, Glanz und Gloria, sondern in einer ganz einfachen Verpackung, in einer „niederen Hülle“.

Wohl dem Menschen, der sich herablässt, dieses einfache Geschenkpaket, das Gott uns zu Ostern schickt, anzufassen und aufzumachen. Das unscheinbare Geschenkpaket Gottes an die Menschheit trägt einen Namen: Jesus. Und wer es aufmacht, der wird reich belohnt: Er findet Kraft, Stärkung, Glück und Frieden. Liebe Gemeinde! Es ist der Glaube, der hinter die äußere Hülle schaut. Es ist unser Glaube, der hinter die Kulissen schaut. Unser Glaube macht Mut, gegen allen Augenschein zu vertrauen, zu lieben und zu hoffen. Es ist der Glaube, der nach innen schaut, auf das, was man nicht sieht.

Diesen Blick des Glaubens hinter die Kulissen, diesen Blick nach innen, wählt auch der Predigttext, der für den heutigen Palmsonntag vorgesehen ist. Ich lese den ersten Teil des Predigttextes, aufgezeichnet im Hebräerbrief, im 11. Kapitel:

„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Durch diesen Glauben haben die Vorfahren Gottes Zeugnis empfangen. Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme.

Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Sarah, mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.“

Liebe Gemeinde! Der Glaube lehrt uns eines: Nicht auf den „Augenschein“ zu vertrauen. Stattdessen lohnt es sich, auf Gottes Plan zu vertrauen und sich nicht von Zweifeln überwältigen zu lassen.

Von dem amerikanischen Schriftsteller Henry D. Thoreau stammt folgendes Zitat: „Was vor uns liegt und was hinter uns liegt, ist nichts im Vergleich zu dem, was in uns liegt. Wenn wir das, was in uns liegt, nach außen in die Welt tragen, dann geschehen Wunder.

Im Augenblick schauen viele Menschen auf das, was hinter ihnen liegt und was sie noch vor sich haben: Hinter uns liegt derzeit die lange Durststrecke mit Lockdowns, Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren. Vor uns liegt noch ein weiter Weg mit dem Corona-Virus, von dem niemand wirklich sagen kann, wie lange er ist und wo er genau hinführt. Dieser Blick nach vorne und hinten nimmt uns verständlicherweise gefangen, prägt unser Leben seit mehr, als einem Jahr. Und der dauernde Blick auf Inzidenzzahlen, Neuinfektionen und Sterbefälle mit Corona macht viele von uns müde und mutlos, manche auch aggressiv. Andere sind einfach nur noch genervt …

Als Christen haben wir eine Alternative zu diesem frustrierenden Teufelskreis: Wir können nach innen schauen, auf die innere Stimme hören. Ich bin überzeugt, wenn wir nach innen schauen, wenn wir in uns gehen, dann hören wir die Stimme Gottes. Wir Christen nennen dieses „In-Uns-Gehen“ auch „Buße“. Dazu sind wir alle eingeladen in diesen Wochen der Passions- und Fastenzeit. Ich sage es immer wieder: Buße heißt nicht, dass ich mich noch tiefer in den Staub hineindrücken lassen muss, noch demütiger werden, mich noch mehr quälen muss. Buße heißt vor allem: Perspektivwechsel. Schau nicht auf das Äußere. Das frustriert nur. Schau nach innen und höre auf Gott. Das schenkt Hoffnung und Zuversicht. Das gibt Kraft in schwerer Zeit.

Der Erzvater Abraham hat es auch so gemacht. Er hat gegen allen Augenschein auf Gott vertraut und sich auf ein Abenteuer eingelassen, ist umgezogen in ein fremdes Land und hat die scheinbaren Sicherheiten seiner Existenz aufgegeben. Und die Kraft dafür, die hat er aus dem Glauben geschöpft, aus dem Blick nach innen.

Liebe Gemeinde! Ein Missverständnis müssen wir an dieser Stelle ausraumen: Der Glaube lehrt den Blick nach innen, der Glaube macht still, lädt ein zur Besinnung auf sich selbst. Aber der Glaube lehrt keine verträumte Weltflucht. Das hat der Verfasser des Hebräerbriefes ein Kapitel weiter betont. Hören wir den zweiten Teil des für heute vorgesehenen Predigttextes. Ich lese aus dem Hebräerbrief den Beginn des 12. Kapitels:

„Wir sind also von einer Wolke von Zeugen umgeben. Darum lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.“

Liebe Gemeinde! Glaube ist immer beides: Besinnlichkeit und aktives Handeln, In-Sich-Gehen und mutiges Zupacken, stilles Gebet und lautes Bekennen.

Dabei kann der Weg des Glaubens durchaus auch zum Kampf werden. Nur sind die Waffen dieses Kampfes andere, als wir das im Alltag kennen. Christen kämpfen nicht mit den Fäusten und versprühen kein Gift unter den Leuten. Aber Christen sagen „Nein“, wo es nötig ist und gehen mit gutem Beispiel voran, wenn sich andere nicht trauen oder zu müde sind. Kämpfen heißt auch, dass uns Gott schon einiges aushalten lässt und manchmal gewaltig viel zumutet. Als Christen dürfen wir uns aber auch nicht alles gefallen lassen.

In diesem Zusammenhang finde ich es richtig und angemessen, dass sich die Kirchen dieses Mal gegen den Druck von staatlicher Seite gewehrt haben, Ostergottesdienste in Präsenz grundsätzlich abzusagen. Für dieses „Nein“ werden wir zwar in den sozialen Medien schon wieder kräftig kritisiert. Manche Kritik kann ich persönlich nachvollziehen anderes ist einfach nur ärgerlich und unterirdisch. Aber nach Abwägung aller Argumente hat sich auch hier in Neustadt am Kulm der Kirchenvorstand entschlossen, Ostergottesdienste an den Feiertagen in Präsenz abzuhalten. Wir haben das Gottesdienstprogramm merklich reduziert, feiern nur am Karfreitag und Ostersonntag. Wir feiern das Heilige Abendmahl in anderer Form als gewohnt, um weniger Kontakt zu haben. Aber wir feiern. Wir feiern in und vor den Kirchen, weil viele Menschen genau das brauchen. Und die, die es nicht brauchen, oder die einfach zu große Bedenken haben, dürfen ohne schlechtes Gewissen zu Hause bleiben. Aber wir lassen uns Gottesdienste nicht verbieten, weil wir es in der jetzigen Situation verantworten können und weil wir wissen, dass jeder Besucher, jede Besucherin vorsichtig ist und sich an unser Hygienekonzept hält. Das gemeinsame Feiern in der Kirche tut trotz FFP-2-Maske und Gesangsverbot immer noch unbeschreiblich gut. Und darum bekennen wir uns mutig zu unseren Gottesdiensten.

Manchmal ist der Glaube auch ein Kampf, ein innerer und ein äußerer Kampf. In diesem Kampf ist vor allem eines wichtig: Der Blick auf Christus. Auf Christus am Kreuz. Der Glaube schaut nicht nur nach innen, er geht auch auf andere Menschen zu und übernimmt Verantwortung für die Welt und in der Welt. In Jesus ist Gott auch auf die Menschen zugegangen. Ein ganz starkes Bild dafür ist das Evangelium des heutigen Palmsonntages: Jesus zieht in Jerusalem ein. Er geht am Passafest dahin, wo die Menschen sind. Er geht zu den Menschen, die Gottes Nähe besonders dringend brauchen. Jesus begibt sich mit seinem Einzug in Jerusalem auch in die „Höhle des Löwen“, wohl wissend, was ihm bevorsteht. Jesus hatte den Mut, seinen Weg zu gehen, weil er seinen Vater an seiner Seite wusste.

Lasst uns auf Jesus Christus schauen, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Lasst uns auf Christus schauen, wenn wir Mut brauchen, etwas durchzuziehen oder wenn uns etwas bedrückt. Dieser Blick auf Christus schenkt Kraft. Und dann geht voller Vertrauen eure Wege.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Pfarrer Hartmut Klausfelder

Liebe Gemeinde!

Der Predigttext für den heutigen Sonntag stammt aus dem Buch Hiob.

Das Buch Hiob hat ja eine ganz interessante Entstehungsgeschichte: Das erste und letzte Kapitel dieses Buches ist in Prosa abgefasst und trägt stilistisch die Züge eines Märchens. In diesem Märchen werden wir Zeugen, wie Gott mit dem Satan eine himmlische Wette abschließt. Der Inhalt dieser Wette ist folgender: Wenn der Teufel dem wohlhabenden Hiob alles nimmt, was ihm lieb und teuer ist, seine Frau, die Kinder, seine Gesundheit, seinen Besitz, dann wird Hiob vom Glauben an Gott abfallen.

Die knapp 40 Kapitel dazwischen haben die Form eines Gedichtes. Sie schildern die Gespräche von Hiob mit drei Freunden. Hiob zeigt sich in die diesen Kapiteln dazwischen gezeichnet. Er ist gezeichnet von Krankheit, von Klage und Trauer. Er, der einst wohlhabende und erfolgreiche Familienvater und Viehzüchter, hat alles verloren. Im Gespräch mit den Freunden verarbeitet Hiob sein Schicksal, und er reflektiert, was die vielen Schicksalsschläge für ihn bedeuten. Eine der Schlüsselstellen in diesen langen Gesprächen ist der heutige Predigttext. Ich lese aus dem Buch Hiob im 19. Kapitel:

„Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch? Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen! Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.“

Liebe Gemeinde! Da fühlt sich Hiob also im wahrsten Sinne des Wortes „von allen guten Geistern verlassen.“ Hiob macht die bedrückende Erfahrung, die wir alle gut kennen: Hast du Geld, bist du erfolgreich und gesund, dann geben sich die Freunde und Bekannten die Türklinke in die Hand. Du bist ein begehrter Mann, eine beliebte Frau. Kommst du dagegen aus der Erfolgsspur, dann stehst du ganz schnell alleine da. Ja, nicht nur, dass plötzlich alle die Straßenseite wechseln, wenn sie dich sehen. Auf einmal wirst du zur Zielscheibe von Klatsch und Tratsch. Manchmal wirst du auch angefeindet. Genauso scheint es Hiob auch ergangen zu sein: Hiob fühlt sich alleingelassen. Von den guten Mächten, von allen guten Geistern alleingelassen. Aber, er zeigt sich kämpferisch, - obwohl er nur noch Haut und Knochen ist. Hiob hat alles verloren, aber aufgegeben hat er sich noch nicht. Darum bittet er die drei Freunde, die ihn besuchen, um Unterstützung.

Gut so. Von unserem ehemaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss stammt der Satz: „Es ist keine Schande hinzufallen, aber es ist eine Schande, einfach liegenzubleiben.“ Nein, Hiob bleibt nicht liegen, obwohl er mit seinem Schicksal tief in den Staub der Erde gedrückt worden ist.

Wie aber verhält es sich eigentlich mit dem Grund für das ganze Übel. Ich erinnere noch einmal daran: Ausgangspunkt der ganzen dunklen Geschichte im Hiobbuch war ja diese etwas gewagte Wette zwischen Gott und dem Satan: Wird ein armer, kranker und einsamer Hiob seinen Gott verleugnen? Im Blick auf unseren Predigttext fällt zunächst einmal auf: Hiob macht Gott selbst für sein Schicksal verantwortlich. Es ist die Hand Gottes, die Hiob dieses Unheil beschert hat, heißt es im Predigttext. Hiob beschönigt nichts. Er versucht seinen Gott nicht zu rechtfertigen. Für Hiob sind Sünde und Strafe kein Thema. Das im Alten Testament gängige Schema: „Leiden ist Strafe für Sünde und Schuld“, das lässt Hiob in den Gesprächen mit seinen Freunden nicht gelten. Hiob weiß nur, dass Gott selbst, und niemand sonst, ihm diese schwere Last seines Lebens aufgebürdet hat. Aber, liebe Gemeinde, eigentlich berichtet uns das Buch Hiob ja etwas anderes: Eigentlich trägt doch der Teufel Schuld an allem, wegen seiner unmoralischen Wette …. Hiob sieht das anders.

Und das finde ich interessant: Hiob sagt: Gott hat mir das alles eingebrockt. Schließlich ist er Gott und nicht irgendein nutzloser Götze. Aber Gott hat Hiob nicht verlassen. Hiob fühlt, dass in der tiefsten Finsternis, im größten Elend Gott doch an seiner Seite ist. Hiob weiß, dass sein Gott lebt, dass er ihn nicht verlassen hat. Und er ist fest davon überzeugt, dass ihn dieser Gott aus dem Staub aufrichten wird. Ich finde das bemerkenswert: Hiob verheddert sich nicht in der „Warum-Frage“, die uns bei Schicksalsschlägen oft so nahe ist und die einem unglaublich viel Energie raubt. Hiob nimmt es in unserem Predigttext einfach als gegeben hin, dass sein Gott auch furchtbar viel Leid über ihn bringen kann. Er klagt, - das schon. Und an anderen Stellen des Hiobbuches kommt die Warum-Frage natürlich auf. Aber Hiob vertraut darauf, dass Gott es am Ende gut macht.

Liebe Gemeinde! Auch wir Christen glauben an einen Gott, der unbeschreibliche Dunkelheit über uns hereinbrechen lassen kann. Oft sind es auch tiefgläubige Christen, die schreckliche Dramen in ihrem Leben durchmachen. Da kann man nicht einfach sagen: „Na ja, damit hat aber Gott nichts zu tun.“ Wenn Gott damit nichts zu tun hat, dann ist er doch nicht allmächtig. Oder Gott wäre nicht gut. Das ist aber beides für uns nicht akzeptabel. Außerdem müssen wir nur auf den Weg von Jesus schauen: Auch Jesus ist ohne Sünde und Schuld in extremes Leiden geraten. Jesus hat gelitten, nicht deshalb, weil Gott gerade einmal nicht auf seinen Sohn aufgepasst hat, sondern im Gegenteil, weil Gott es so wollte. Gott hat das Gute gewollt - und an Ostern einen großen Sieg über den Teufel errungen. Aber die dunkle Seite dieses Sieges war groß und lang: Verhaftung, Folter, Spott und Häme – und dann der Tod, zwei Tage lang. Schlimmer geht es eigentlich nicht. Den Jünger Simon Petrus hat diese dunkle Seite des göttlichen Plans in schwere Konflikte gestürzt. Diese Konflikte gipfelten darin, dass er Jesus mehrmals vor anderen Leuten verleugnet hat.

Ja, es ist nicht einfach, immer auf Gott zu vertrauen, vor allem in den schweren Zeiten. Warum geht es eigentlich nicht ohne diese schreckliche Dunkelheit, ohne die Dunkelheit von Leiden und Tod? Liebe Gemeinde, ich habe in meinem Fastenkalender einen Beitrag von Kerstin Söderblom, einer Pfarrerin aus Hessen gefunden, den ich Ihnen gerne vorlesen möchte. Was Kerstin Söderblom über Dunkelheit und Licht schreibt, hat mich persönlich sehr angesprochen. Pfarrerin Söderblom schreibt:

„Im September war ich zwei Wochen auf der schottischen Insel Iona. Auf der Insel gibt es keine Straßenlaternen. Jeden Abend habe ich einen Spaziergang in die Dunkelheit gemacht. Meine Erfahrung: Je länger ich im Dunkeln gegangen bin, desto mehr habe ich gehört, gerochen, gefühlt und schließlich auch gesehen. Die Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit und haben Schattierungen unterschieden, Umrisse, und andere Lichtquellen wie Katzenaugen, Glühwürmer, Bootslichter im Wasser, haben Sterne oder Mondlicht wahrgenommen. Nur wenn mir jemand mit einer Taschenlampe entgegenkam und mich anstrahlte, habe ich überhaupt nichts mehr gesehen. Zu grell war das Licht. Es hat alle anderen Schattierungen und Farbnuancen um mich herum verschluckt. Je länger ich im Dunkeln gegangen bin, desto intensiver habe ich die Wellen gehört, Möwen über der Bucht, ein Fischerbootsmotor in der Ferne, ein Windstoß im Wipfel vom Baum in der Nähe. Ich habe Seetang gerochen, die salzige Luft geschmeckt und meinen Atem gespürt. Es waren intensive Momente. Kostbar, selten. Nicht die Dunkelheit ist gefährlich, sondern die Angst der Menschen vor der Dunkelheit. Sie schreibt der Dunkelheit Gefahren zu, weil Menschen meinen, nichts zu sehen, keine Kontrolle zu haben, keine Sicherheit und keinen Schutz. So wird die Dunkelheit denjenigen überlassen, die etwas zu verbergen haben, die Dunkelheit schätzen, weil sie in ihren zweifelhaften Geschäften nicht gestört werden wollen. Die Dunkelheit ist kostbar. Ohne Dunkelheit werden Menschen genauso krank wie ohne Licht. Ohne Dunkelheit gibt es zu wenig Pausen, Ruhepunkte, Verlangsamung. Ohne Dunkelheit gibt es kaum Schlaf. Ohne Dunkelheit kein Rückzug ins Private, Körperliche, Zärtliche. Ohne Dunkelheit kaum der Mut zu Tränen, Umarmungen, Trost. Es braucht also Dunkelheit und Licht. Es braucht die Grautöne, Zwischentöne, Schattierungen, Lichteinfälle, Abschattungen, es braucht Zwischenräume - im Hellen wie im Dunkeln.

Liebe Gemeinde! Wir brauchen die Dunkelheit wie das Licht. Wir brauchen Freud und Leid, Licht und Schatten, um den Weg zum richtigen Leben zu gehen. Damit soll natürlich nicht das unbeschreibliche Leiden des Mannes Hiob in der Bibel verharmlost werden. Es soll auch nicht das Leiden vieler Menschen in unserer Zeit, in unserer Gemeinde schöngeredet werden. Das hat Hiob in seinem Gespräch mit den Freunden auch nicht gemacht. Hiob hat gejammert, geklagt. Aber er hat sich nicht aufgegeben. Und er hat seinen Glauben nicht aufgegeben. Den Glauben daran, dass Gott schließlich doch das Morgenrot in die Finsternis schickt und die Nacht des Leides beendet. Die Dunkelheit des Leidens ist da. Das können wir nicht ändern. Aber wir können verhindern, dass wir die Dunkelheit ganz dem Teufel überlassen. Nein, nein, Gott ist in der finstersten Finsternis zu finden, zu hören, zu spüren. Überlasst die Kehrseiten unseres Lebens nicht den finsteren Mächten.

Im Übrigen sei erwähnt, dass sich am Ende des Hiobbuches das Geschick Hiobs tatsächlich zum Guten gewendet hat: Lange hat es gedauert, 42 Kapitel lang. Hiob kommt wieder auf die Beine, er kommt wieder zu Viehbesitz. Vor allem aber kehrt seine Verwandtschaft und kehren seine Bekannten zu ihm zurück und füllen sein Haus mit Leben. Das Leben kehrt zurück. Es wird auch bei uns zurückkehren - nach Corona und nach unseren persönlichen Krisen. Wie und wann, das wissen wir nicht. Was wir wissen, das hat Hiob in unserem Predigttext so schön ausgedrückt: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Und ich ergänze dazu: Jesus lebt –, und wir sollen auch leben.

Amen.

 

Pfarrer Hartmut Klausfelder
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