Liebe Gemeinde!
In der Evangeliumslesung und in dem Lied, das wir gerade gesungen haben, war viel vom „Teufel“ die Rede. Wenn in der Kirche und im Gottesdienst vom Teufel gesprochen wird, hört man von vielen Seiten Kritik: Den Menschen werde mit der Rede vom Satan unnötig Angst gemacht. Außerdem sei die Vorstellung vom Teufel nicht mehr zeitgemäß. Sie verharmlost, das oft schreckliche Unrecht, das in Wirklichkeit Menschen begehen.
Für den katholischen Theologieprofessor Simone Paganini ist die Figur des Satans eine „Projektionsfläche“. Dazu sagt er in einem Radio-Interview folgendes: „Der Teufel ist die klassische Gestalt, die immer wieder ins Spiel kommt, wenn man keine andere Erklärung hat. Es gibt eine Epidemie. Wer ist schuld? Der Teufel. Es gibt einen Krieg. Wer ist schuld? Der Teufel. Aber auch in der Familie: Mann und Frau finden nicht zusammen. Wer ist schuld? Der Teufel. Alles was nicht harmonisch ist, was mit Zwietracht zu tun hat, wird dem Teufel quasi zugeschrieben. Das ist im Prinzip eine sehr billige Erklärung, um alles zu erklären, was in der Politik nicht funktioniert.“
Bereits vor zweihundert Jahren hat der deutsche Dichter Friedrich Rückert folgendes ironische Zitat hinterlassen: „Der Teufel hat die Welt verlassen, weil er weiß, dass die Menschen selbst einander die Hölle heiß machen.“
Umgekehrt finde ich es interessant, dass die Gestalt des Teufels oder andere satanische Figuren in zahlreichen beliebten Unterhaltungsserien nicht nur vorkommen, sondern eine zentrale Rolle spielen.
Auch in dem für heute vorgesehenen Predigttext kommt das Böse in personifizierter Gestalt vor: In Gestalt der Schlange. Hören wir hinein in eine der bekanntesten biblischen Erzählungen, die Geschichte vom „Sündenfall“, aufgezeichnet im 1. Buch Mose, im 3. Kapitel. Adam und Eva leben im Paradies. Sie dürfen sich frei bedienen von allen Früchten, die im Paradiesgarten wachsen, - bis auf einen Baum in der Mitte ….. Ich lese den Predigttext:
„Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und GOTT sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß. Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.“
Liebe Gemeinde! An dieser düsteren Stelle verlassen wir die Geschichte vom Sündenfall. Der weitere Fortgang der Erzählung ist den allermeisten sicher bekannt. Adam und Eva werden zur Strafe von Gott aus dem Paradies vertrieben und müssen von nun an in der realen Welt mit ihren Machtverhältnissen, mit ihren Herausforderungen und mit der vielen Arbeit leben. Aber darum soll es heute in meiner Predigt nicht gehen. Wir bleiben noch etwas bei der Schlange. Sie ist die personifizierte Form des Bösen: hinterlistig, klug und verführerisch. Die Bibel gibt keine Antwort, woher das Böse kommt und warum Gott der Schlange im Paradiesgarten freie Hand lässt. Das Böse ist einfach da. Die alte Erzählung aus dem 1. Buch Mose richtet den Fokus ganz auf die Folgen der Verführung und Versuchung: Nachdem Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis genascht haben, verlieren sie ihre kindliche Unbeschwertheit und Unbedarftheit. Sie erkennen sicher auch, was sie da angerichtet haben mit dem Griff nach der verbotenen Frucht. Und wie reagieren Adam und Eva auf die Erkenntnis von Gut und Böse? Sie verstecken sich. Das ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis, sich aus Scham oder schlechtem Gewissen verstecken zu wollen. Die beiden verstecken nicht nur sich selbst, sie verstecken auch ihre Nacktheit provisorisch hinter Schürzen aus Feigenblättern.
Als Gott, scheinbar bei einem Abendspaziergang, die beiden verängstigten Paradiesbewohner findet, fragt er „Adam, wo bist du?“ In dieser Frage geht es um viel mehr, als nur darum, wo Adam eigentlich steckt? Dazu müssen wir uns deutlich machen, was die Namen von Adam und Eva in der hebräischen Sprache eigentlich bedeuten: Adam ist das hebräische Wort für „Mensch“; Eva heißt übersetzt die „Lebensspenderin“. Die beiden verkörpern in der Geschichte sozusagen stellvertretend die ganze Menschheit. Und so handeln Adam und Eva auch: Sie legen Wesenszüge an den Tag, die charakteristisch und typisch sind für uns Menschen insgesamt. Man könnte auch sagen: In der fein gesponnenen Geschichte von Adam und Eva begegnen wir uns selbst auf Schritt und Tritt. Darum steckt in der Frage Gottes: „Adam, wo bist du?“ etwas ganz Grundsätzliches. Gott ruft nicht nur Adam oder Eva, er ruft alle Menschen.
Es gibt zu diesem Ruf eine tiefsinnige Erzählung. Sie stammt vom jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber. Ich lese: "Als ein gelehrter Rabbiner einmal in Petersburg gefangen saß, besuchte ihn der Oberste der Gendarmerie in der Zelle und fragte ihn: „Wie ist es zu verstehen, dass Gott zu Adam spricht: ‚Wo bist du?‘ Da Gott allwissend ist, braucht er eine solche Frage doch gar nicht zu stellen.“ Der Rabbi antwortete: „‚Wo bist du‘ - das ist Gottes ewiger Ruf nach jedem Menschen. Wo bist du in deiner Welt? Was hast du bisher aus deinem Leben gemacht? Und an welchem Punkt stehst du jetzt?“ Als der Oberste das hörte, raffte er sich zusammen, legte dem Rabbi die Hand auf die Schulter und rief: „Bravo!“ Aber sein Herz bebte."
Liebe Gemeinde! „Mensch, wo bist du?“ Diesen Ruf richtet Gott heute an jeden und jede von uns. Und wir sind gefragt, ob wir bereit sind, vor ihm Rechenschaft abzulegen oder ob wir uns lieber verstecken und dem Ruf ausweichen. Weil wir uns nackt und hilflos fühlen. Weil wir lieber unsere Ruhe haben wollen. Weil wir meinen, mit unserer kleinen Kraft doch nichts ausrichten zu können gegen all das Unrecht und Böse in der Welt. „Mensch, wo bist du?“ Diese Frage trifft uns gewissermaßen mitten ins Herz. Vielleicht irritiert sie auch den einen oder anderen. Denn meistens ist es ja genau umgekehrt. Da fragen wir Gott: „Wo bist du eigentlich? Müsste die Welt nicht ganz anders aussehen, wenn du da wärst? Müsste die Welt nicht besser, friedvoller und harmonischer sein, wenn es dich wirklich gibt?“ Wir verlangen Rechenschaft von Gott. Er aber dreht den Spieß um und verlangt von uns, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für uns und diese Welt.
Dieser Ruf, Verantwortung zu übernehmen für uns und für andere angesichts des Bösen in der Welt, das könnte uns vielleicht durch die beginnende Passions- und Fastenzeit begleiten. Ich finde diesen Ruf schon sehr aktuell. Ich habe manchmal wirklich den Eindruck, dass viele Menschen es verlernt haben oder zumindest nicht mehr gewohnt sind, Eigenverantwortung zu übernehmen. Stattdessen wird auf andere geschimpft, andere werden beschuldigt, angezeigt. Jeder ist nur noch bemüht, sich abzusichern, keine Angriffsfläche zu bieten und keinen Fehler zu machen, für den man belangt werden kann. Wir schreien gerne laut danach, dass die Politiker die Verantwortung für ihre Fehler übernehmen sollen. Tun wir das gleiche auch? Unser Glaube an Gott ist nicht nur, aber auch ein Ruf nach Verantwortung. Gott fragt: „Mensch, wo bist du? Was machst du mit meiner Welt, die ich dir zur Pflege überlassen habe?“
Zugegeben, diese Worte erzeugen zu Beginn der Passionszeit ganz schön viel Druck. Das ist mir durchaus bewusst. Aber die Frage ist, ob wir dem Satan das Feld überlassen wollen, ganz gleich, ob wir uns ihn als menschliche Gestalt, als Schlange oder als abstrakte Macht des Bösen vorstellen. Wollen wir ihm den Sieg überlassen? Das tun wir, wenn wir uns verstecken, wenn wir uns ängstlich zurückziehen, weil unsere Kirche ja immer kleiner wird und an gesellschaftlichem Einfluss verliert.
Aber es gibt auch eine weitere ganz wichtige Botschaft in dieser Geschichte von Satan, Sünde und Schuld: Wir lernen dort einen Gott kennen, der uns hinterherläuft und uns sucht: „Adam, wo bist du?“ Da höre ich den Gott heraus, der mit uns Menschen zu tun haben will, obwohl er ganz genau weiß, dass sie gerade sein heiligstes Gebot übertreten haben, dass sie gerade eine Grenze überschritten haben. Ja, dieser Gott zieht Adam und Eva uns zur Verantwortung, - und damit uns Menschen insgesamt. Aber er lässt uns nicht allein. Wir haben ihn enttäuscht. Und ich bin sicher: Gott ist enttäuscht. Aber er will weiter mit uns in Kontakt bleiben. Durch Jesus Christus hat Gott genau diese gute Nachricht noch einmal verdichtet und auf die Spitze getrieben. Jesus ist genau zu den Menschen gegangen, die Grenzgänger waren, die sich grenzwertig verhalten haben, die Regeln gebrochen oder andere enttäuscht oder verärgert haben. Und dann ist er für die Menschen am Kreuz gestorben, nachdem er verraten, verleugnet und verlassen wurde. Aber damit hat er den Weg frei gemacht für ein neues Leben mit Gott.
Das ist das Evangelium, das in dieser düsteren Geschichte vom Sündenfall steckt. Der Teufel mag uns immer wieder umschmeicheln und in Versuchung führen. Und noch oft werden wir in die Falle tappen. Aber Gott, der gute Hirte, lässt uns nicht hängen. Er steht uns bei. Das ist die große Kraftquelle, damit wir Verantwortung übernehmen können für uns und andere. AMEN.