Liebe Gemeinde!

Gestern noch waren wir zu Gast im Stall in Bethlehem. Heute, einen Tag später, begeben wir uns nach Jerusalem, in die Hauptstadt Israels. Gleichzeitig reisen wir in der Zeit um etwa 540 Jahre zurück. Wir befinden uns in der Zeit des babylonischen Exils. Jerusalem, der politische und religiöse Mittelpunkt der Menschen aus Israel, war seit Jahrzehnten nur noch eine Trümmerwüste. Die Babylonier hatten die Stadt im Jahr 587 V. Chr. erobert und zerstört. Außerdem wurde ein erheblicher Teil der Bevölkerung, die so genannten „Oberen Zehntausend“, kurzerhand mitgenommen und ins Exil nach Babylon ver-schleppt. Das Schlimmste für die Menschen aus Isra-el aber war, dass der prächtige Tempel, den König Salomo einst hatte erbauen lassen, ebenfalls zerstört worden war. Die Israeliten waren überzeugt: Wenn Gott es zu-lässt, dass der heilige Tempel dem Erdboden gleich-gemacht wird, dann hat Gott uns verlassen. Ja, dann gibt es ihn vielleicht gar nicht. Das Selbstvertrauen der Israeliten lag in Trümmern, - politisch und im Glauben. Genauso, wie die Stadt Jerusalem mit ihrem Tempel Trümmern lag. Dann, nach fast 50 Jahren, als man schon alle Hoffnung auf eine Rückkehr in die Heimat aufgegeben hatte, tritt ein Prophet auf. Ein Prophet mit einer wundervollen Hoffnungsbotschaft. Diese Botschaft ist überliefert im zweiten Teil des Jesajabuches. Ich lese, was im 52. Kapitel aufgeschrieben ist:

„Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König! Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.“

Liebe Gemeinde! ER ist wieder da. Der König der Welt. Der Gott Israels. Er ist wieder da. Er ist zurückgekehrt. Diese Freudenbotschaft verkündet der unbekannte Prophet, den man in der Forschung den „zweiten Jesaja“, den „Deuterojesaja“ nennt: ER ist wieder da und will ge-nau dort wohnen, wo nur noch Trümmer herumliegen. In Jerusalem. Darum können sogar die Trüm-mer zu jubeln beginnen. Was für ein schönes Bild: Die Trümmer, das Symbol schlechthin für Niederlage, für Zerstörung und Tod, genau diese Trümmer jubeln. Manche Menschen haben ja auch den Eindruck, dass das Weihnachtsfest heuer in Trümmern liegt. Angefangen von den starken Einschränkungen bei Gottesdiensten, viele wurden ja ganz abgesagt, über die nächtliche Ausgangssperre bis hin zu den strengen Vorgaben für Familienbesuche. Für viele liegt Weihnachten vor allem deshalb in Trümmern, weil ein Familienmitglied ernsthaft an Corona erkrankt oder gar verstorben ist. Vor allem aber diese Unsicherheit, wie es weitergeht mit der Pandemie und den Mutationen des Virus, wie es weitergeht am Arbeitsplatz und und und, …. Alles das lässt unser Bild von Weih-nachtsidylle zerbrechen. Manchen Zeitgenossen ist die Lust auf das Weihnachten-Feiern ganz vergan-gen, wenn man nicht einmal ohne schlechtes Gewis-sen seine Familienmitglieder zur Begrüßung umar-men darf. Die Nächstenliebe braucht, bei aller ver-ständlicher Rücksichtnahme, eben auch diese sinnlichen Aspekte, damit wir nicht innerlich verkümmern. Kann aus diesen Weihnachtstrümmern noch etwas Positives werden?

Mit dem Propheten Jesaja sage ich euch: Ja, es kann. „Yes, we can“ gewissermaßen. Es kann gut werden, weil Gott in diesen Trümmern menschlicher Hoffnungen wohnt. Er wohnt dort nicht erst, aber vor allem seit Jesus. Jesus wohnt nicht im Palast des Königs Herodes. Gott hat für Jesus den armen Stall gewählt und die armen Hirten als Besucher. Nein, in diesen Trümmern steckt noch Leben. Inmitten dieser Trümmer von Weihnachten, wie wir sie heuer an vie-len Stellen erleben, ist eben nicht alles schlecht. Denn Gott ist wieder da. Jesus liegt wieder in der Krippe, und wir dürfen uns an ihm freuen. Und das Kind in der Krippe sagt uns: Es gibt Hoffnung.

Freilich, liebe Gemeinde! Mit den Trümmern von Weihnachten, mit den Trümmern unseres Lebens, kann man immer unter-schiedlich umgehen. Und das erleben wir gerade in diesen Pandemietagen immer wieder:

Es gibt Leute, die tief gebeugt über den Trümmern ihres Lebens verharren und Gott und die Welt ankla-gen. Das hat sein Recht für eine bestimmte Zeit. Aber auf Dauer macht das Verweilen in Trauer und Anklage depressiv oder aggressiv.

Dann gibt es auch Leute, die so tun, als gäbe es keine Trümmer, keine Bruchstücke in ihrem Leben. Diese Menschen ignorieren die Trümmerhaufen, die sie umgeben, und dann stolpern sie früher oder später doch darüber. Denn die Trümmer liegen ja noch im Weg herum. Es gibt Leute die ignorieren die Ernsthaftigkeit dieser Pandemie. Sie ignorieren Verbote und treffen sich zu illegalen Feiern. Und dann stolpern sie früher oder später darüber, weil sie hohe Strafen zahlen müssen, selbst krank werden oder andere krank machen.

Es gibt aber auch Leute, die krempeln die Ärmel hoch und fangen an, die Trümmer ihrer Existenz aufzuräumen. Dabei sortieren sie aus, was sie noch ge-brauchen können und was wertlos geworden ist. Sind die Trümmer beiseite geräumt und ist das Wertlose vom Wertvollen getrennt, dann entsteht Platz für etwas Neues. Dabei stellt man fest, dass man vieles von den alten Trümmern durchaus noch verwenden kann. Liebe Gemeinde! Unser Predigttext aus dem Jesajabuch macht uns Mut, die Ärmel hochzukrempeln und voller Zuversicht dieses Weihnachten zu feiern. Weil Gott mit uns ist.

Übrigens: Israel hat damals nach der Rückkehr aus dem Exil auch die Ärmel hochgekrempelt und den Tempel im zerstörten Jerusalem neu aufgebaut. Die-ser Tempelneubau war kein Zuckerschlecken. Es gab viel Streit und Ärger, wie das bei großen Bauprojekten fast immer passiert. Das kennen wir ja auch in Neustadt. Aber am Ende stand der Tempel. Weil letztlich alle, die daran gebaut haben, innerlich getragen wurden. Getragen von der Überzeugung: Gott wohnt mitten unter uns. Und er heilt unsere Zerstrittenheit, unser Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Vorstellungen, unsere unvollkommenen Pla-nungen. Er heilt unsere Sünde und lässt etwas Gutes daraus wachsen. Also, lasst uns jubeln und voller Freude auf die Freu-denboten hören.

In der Weihnachtsgeschichte sind die Freudenboten die Engel, die uns die „gute neue Mär“ von der Geburt des Heilands verkünden: „Vom Himmel hoch, da komm ich her. Ich bring euch gute neue Mär. Der guten Mär bring ich so viel. Davon ich singen und sagen will.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alles Ver-nunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.