Zum 300-jährigen Jubiläum besuchte uns Regionalbischof Klaus Stiegler aus Regensburg, um die Festpredigt zu halten. Im Folgenden finden Sie sein Manuskript zum Nachlesen. Den Bericht über den Gottesdienst finden Sie hier.
 

Liebe festliche gestimmte Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Als Predigttext für diesen festlichen Kirchweihtag hören wir aus Psalm 84, 2-8:

Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth! Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott. Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar. Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln! Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, / wird es ihnen zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen. Sie gehen von einer Kraft zur andern und schauen den wahren Gott in Zion.

Dieser Psalm ist ein Gebet voller Sehnsucht. Da sehnt sich ein Mensch danach, im Tempel in Jerusalem zu sein. So gerne möchte er oder sie doch mit dabei sein, wo andere singen und beten. So wie heute, an diesem so besonderen Festtag sicher auch viele Menschen in Neustadt am Kulm sich danach sehnen, im Gottesdienst mit dabei zu sein - und es nicht können. Nicht zuletzt die Bläserinnen und Bläser, die diesem Gottesdienst doch so gerne einen ganz besonderen musikalischen Glanz verleihen wollten. Sehnsucht ist es etwas, was uns tief im Herzen, in unserer Seele berührt. So sehr vermissen und wünschen wir uns etwas, und das Ersehnte ist doch unerreichbar fern.

Den 84. Psalm betet ein Mensch, der sich nach Gott sehnt. Es ist ein Gebet aus dem Alten Testament. Wir werden an die jüdischen Wurzeln unseres christlichen Glaubens erinnert. Und das ist gut und wichtig. Besonders heute, am 8. November. Vor 82 Jahren würden in unserem Land jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger aus ihren Häusern vertrieben. Einen Tag später brannten die Synagogen in unserem Land. Wehret den Anfängen des Antisemitismus, auch in unserer Zeit!

Unser christlicher Glaube hat seine Wurzeln im Judentum. Und führt dann darüber hinaus. Paulus weiß, dass die Begegnung mit Gott nicht mehr allein im Jerusalemer Tempel stattfindet. „Ihr seid der Tempel Gottes!“, schreibt er den Korinthern und auch uns ins Stammbuch. Die Begegnung mit Gott lässt sich nicht lokal festmachen, sondern personal, unmittelbar in unserem eigenen Leben.

Und dennoch wurden im Laufe der Geschichte dann weiter Gotteshäuser gebaut. Weil wir Menschen Räume des Glaubens brauchen. Unser Glaube ist etwas Persönliches und Privates, und daneben aber auch etwas Öffentliches und Gemeinsames. Menschen haben Gotteshäuser als Orte des gemeinsamen Glaubens errichtet. Und Kirchen haben dann an Lebensgeschichten vieler Menschen mitgebaut. Es ist Geben und Nehmen: Jede Generation muss für den Erhalt der Kirche sorgen und weiterbauen, und die Kirche baut und prägt unsere Lebensgeschichten. So haben sie das auch hier im Ort mit Ihrer Kirche erfahren.

Danke allen, die derzeit Verantwortung für die Kirche und das Gemeindeleben übernehmen, den Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorstehern, allen Mitarbeitenden – und nicht zuletzt auch Pfarrer Klausfelder und seiner lieben und so engagierten Ehefrau. Ihnen allen gilt mein Dank und mein Respekt für Ihren Einsatz!

Seit 1720 ragt die Dreieinigkeitskirche in Neustadt am Kulm mächtig, unübersehbar und kraftvoll in den Himmel. Sie ist seit 300 Jahren ein starker Ort des Glaubens und somit eine starke Kraftquelle für das Leben vieler Menschen. In vielen Lebensgeschichten hat diese Kirche mitgeschrieben. Für frischgebackene Eltern, für verliebte Paare, für unsäglich Traurige und Ratlose. Bei Festen, die unser Leben bereichern und uns Orientierung im Leben geben. Ein Ort der menschlichen Gemeinschaft, des Gebets und des Gesangs. Ein Ort, an sich Gott immer wieder als lebendiger Gott mitten im Leben erwiesen. Und nicht zuletzt als Ort der Ruhe. „Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen.“ Auch Flatterhafte, Vielbeschäftigte und vom Leben Umgetriebene finden hier Ruhe, kommen zu Gott und zu sich.

So kann ich Ihnen zu Ihrer Dreieinigkeitskirche nur von Herzen gratulieren. Welch ein Schmuckstück! Welch ein wunderbarer Ort des Glaubens und der Gemeinschaft!

Und nun, ausgerechnet im Jubiläumsjahr 300 Jahre Dreieinigkeitskirche und 650 Jahre Neustadt am Kulm erleben wir, wie ein kleines tödliches Virus das Leben auf dem ganzen Erdball verunsichert und gefährdet. Wir feiern Kirchenjubiläum, so wie es in diesem November 2020 mit dem Teil-Lockdown möglich ist. Anders als an Ostern sind Gottesdienste möglich. Wir haben in den letzten Monaten gelernt, wie wichtig - neben medizinischen und wirtschaftlichen Maßnahmen - auch die Sorge für die Seele der Menschen ist. Wie sind seit März 2020 auf eine harte Probe gestellt. Wir sind herausgefordert. Und uns wird viel zugemutet. Alles ist gefragt, was uns Körper und Geist an Kräften hergeben – und was Körper und Geist stärken. Diese Pandemie fordert uns extrem. Das geht an Nerven und Nieren. Da gilt es alle Kraftquellen zu aktivieren.

Für viele Menschen sind Glaube und Religion solch eine Kraftquelle. Es ist weise und klug, dass in unserem Land die Religionsausübung kein willkürlicher oder zufälliger Freibrief ist, sondern ein in der Verfassung verankertes Grundrecht. Es ist kein christliches Privileg. Es gilt für alle Religionsgemeinschaften. Auch Synagogen und Moscheen bleiben in diesem November offen. Das Recht, seine Religion unter Einhaltung aller Hygieneregeln auszuüben, ist ein Indikator für die Humanität einer Gesellschaft. Dazu gehört auch die Seelsorge, der Zugang von Seelsorgerinnen und Seelsorgern zu Altenheimen, Krankenhäusern oder Behinderteneinrichtungen.

Gerade im Monat kommen Gottesdienst und Seelsorge zusammen: Am Volkstrauertag denken wir denken still an Krieg und Frieden, am Buß- und Bettag prüfen wir unser Gewissen und fragen nach einem guten Leben und am Ewigkeitssonntag trauern wir um unsere Toten und suchen nach Trost. Manche mögen all das als nicht systemrelevant einstufen. Für mich und viele Menschen innerhalb und außerhalb unserer Kirche ist es lebensnotwendig. So gesehen sind wir als Kirche in jedem Fall lebensrelevant, existenzrelevant. Ich bin überzeugt, dass wir als Kirche vielen Menschen die seelischen und körperlichen Abwehrkräfte stärken.

Darum kann ich dem 84. Psalm nur von Herzen zustimmen: „Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar. Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln! Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, / wird es ihnen zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen. Sie gehen von einer Kraft zur andern und schauen den wahren Gott in Zion.“

Glückwunsch allen, die in diesem Gotteshaus daheim sind.
Zu beneiden sind die, die Gott für ihre Stärke halten.
Selig sind, die Gott von Herzen nachwandeln.

Sie gehen von einer Kraft zur andern.

AMEN