Liebe Gemeinde!

Als Predigttext habe ich heute eine Geschichte aus dem Markusevangelium herausgesucht: Markus 5,24b-34.

Bei dieser Erzählung muss ich an eine sehr interessante Fortbildung denken. Sie liegt jetzt schon fast 10 Jahre zurück. Und trotzdem beschäftigt mich das, was ich damals gehört habe, bis heute. Die Veranstalter hatten damals einen professionellen Werbefachmann aus der freien Wirtschaft ein-geladen. Es ging um die Frage, wie wir Kirche werbend wirken können. Oder anders ausgedrückt: Welche Werbung braucht unsere Kirche? Welche Werbung passt zu uns? Und mit welchem Werbeslogan können wir angemessen und zeitgemäß werben? Ich kann Ihnen sagen, es war wirklich spannend mitzuerleben, wie dieser Mann, der sonst Werbe-kampagnen für Ariel, Tschibo und unzählige andere Unternehmen entwirft und seit Jahrzehnten damit großen Erfolg hat, wie dieser Mann unsere Kirche wahrnimmt. Wissen Sie, was der Werbefachmann nach einein-halb Tagen intensivem Kontakt mit Pfarrerinnen, Pfarrern und kirchlichen Mitarbeitern als Werbeslo-gan für unsere Kirche und insbesondere für die Arbeit mit Familien vorgeschlagen hat? Lassen Sie sich diesen Satz einfach einmal auf der Zunge zer-gehen, auch, wenn er fast 10 Jahre alt ist:

„Ein bisschen Gott tut gut.“

Stellen Sie sich einfach einmal in Gedanken ein Plakat dazu vor mit der Kirche von Neustadt am Kulm, mit der Einladung zu einer Veranstaltung oder einem besonderen Gottesdienst, - und darun-ter, neben einem Logo der Satz: „Ein bisschen Gott tut gut.“ Wie ich diesen Vorschlag des erfahrenen Werbefachmannes zuerst gehört habe, dachte ich mir: „So ein Quatsch. Was wollen wir denn als Christen mit ein „bisschen Gott“, mit einem „göttlichen Appetithappen“, „Jesus light“ sozusagen. Gerade uns engagierten haupt- und ehrenamtlichen Mitarbei-tern, gerade uns überzeugten Teilnehmern an Got-tesdiensten und kirchlichen Veranstaltungen, uns geht es doch um die ganze Wahrheit, und nicht um ein „bisschen“, um ein kleines Stück davon, oder?

„Ein bisschen Gott tut gut.“

Aber je länger ich über diesen Satz nachgedacht habe, wurde mir klar: Da geht es gar nicht um ein „Stück von Gott“, sondern darum, dass bereits ein kleines bisschen von Gottes Liebe, von Gottes Wahrheit, von Gottes Ausstrahlung, von Gottes Wort, dass auch das schon hilft und wirkt. Es muss im Glauben nicht immer gleich die XXL-Lösung sein mit Bibelkreis, 6-wöchigem Glaubenskurs mit der bewussten Entscheidung, sein Leben Jesus zu übergeben oder gar mit so etwas wie Glaubenstau-fe, was die Baptisten praktizieren. Auch ein bisschen davon hat bereits Wirkung. Und als Volkskirche heben wir uns gerade dadurch von Sekten, Freikirchen und fundamentalistischen Gruppen ab, dass wir auch den kirchlich Distanzierten ein Lebensrecht in unserer Kirche zubilligen und sie auch wertschätzen. Freilich, so richtig tief in den Glauben einsteigen, das ist schon etwas Wertvolles und Gutes, sonst hätte ich ja selbst nicht Theologie studiert und wäre Pfarrer geworden. Und ich gönne jedem seinen Hauskreis. Und ein (Jugend-)Chor, ein Posaunen-chor, der lebt davon, dass die Teilnehmer mit voller Begeisterung, regelmäßig und zuverlässig mit Haut und Haar einsteigen. Es ist gut, dass es begeisterte und überzeugte Christen gibt, die etwas tun, für Gott, für sich und für andere und die dafür viel Zeit opfern. Aber eben auch das Andere hat seine Be-rechtigung in unserer Kirche. Nun gibt es zurecht eine ganze Menge von Einwän-den gegen diese „Kirche-Light“-Mentalität, gegen eine Kirche, die die Gnade Gottes zu billig macht, so nach dem Motto: Es reicht ja auch, wenn man am Heilig-Abend und zur Taufe des Kindes mal vorbeischaut. Und in der Bibel sagt Jesus deutlich, dass die so genannte „Breite Pforte“, also der „Mainstream“ (Hauptstrom) des Papierchristentums in die Hölle führt und nur die schmale Pforte in den Himmel weist.

Aber, liebe Gemeinde, es gibt daneben auch andere biblische Geschichten. - Solche, wie die Erzählung von der armen Frau mit „Blutfluss“, die Frau, die seit Jahren an Blutungen leidet, die sich durch kei-nen Arzt und kein Medikament stillen lassen. Was hat die Frau schon alles versucht und ihr ganzes Geld ausgegeben. Nun hört sie, dass Jesus in der Gegend ist. Aber scheinbar hat sie Angst, Jesus zu nahe zu kommen. Das ist verständlich, fühlt sie sich durch die Krankheit doch in höchstem Maße „unrein“. Nach dem jüdischen Gesetz zählen Menschen, bei denen Blut fließt als kultisch unrein. So jemand darf nicht in den Tempel. Und er darf auch keinem Heiligen zu nahe kommen. Trotzdem ist die Frau überzeugt, dass Jesus ihr helfen kann. Also fasst sie einen mutigen Ent-schluss: Sie will einfach nur einen Zipfel von sei-nem Obergewand berühren. In der großen Men-schenmenge fällt das nicht weiter auf. Allein das müsste wirken. Also ein bisschen Heiland, das tut gut … Und wie gut es dieses bisschen Heiland tut: In dem Moment, in dem die Frau das Gewand von Jesus zu fassen bekommt, versiegt die Quelle ihrer Unrein-heit, die Quelle der Blutungen versiegt. Wow! Jesus hat natürlich gespürt, dass da etwas in der Menge vor sich gegangen ist. Und als er die Frau entdeckt hat, sagt er zu ihr: „Meine Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht. Gehe hin in Frieden.“

Liebe Gemeinde! Also ist es doch so, dass schon ein bisschen Gott gut tut. Es genügt nur ein Wort, dann wird der Knecht eines Römischen Hauptmannes gesund, - eine andere Heilungsgeschichte aus den Evangeli-en, die ich sehr mag. Und es genügt schon ein Stück Textilie, die Jesus trägt, um heil zu werden. Jesus fordert die Frau auch nicht dazu auf, ihm nachzufolgen oder sich eine Predigt von ihm anzu-hören. Vielleicht hat sich die Frau später diesem besonderen Rabbi angeschlossen, oder auch nicht. Wir lesen darüber nichts weiter in der Bibel. Wie dem auch sei: Der Schatz an positiver Energie, an Ausstrahlung, an Wohltaten von Jesus ist so groß und weit, dass auch die etwas davon abbe-kommen, die am Rande stehen. Also ebenso die Randsiedler und Gelegenheitsbesucher unserer Kir-che. Entscheidend ist allein, gut protestantisch gedacht, der Glaube. „Dein Glaube hat dir geholfen.“ sagt Jesus. „Dein Glaube“ – und nicht eine Mindeststundenzahl an Frömmigkeitsleistungen und nicht eine Mindestzahl von Gottesdienstbesu-chen. Manchen Konfirmanden wird das vielleicht freuen ….

Manchmal habe ich den Eindruck, das sich manche kirchlich Distanzierte auch fast ein wenig kultisch unrein fühlen. Denn ich bekomme ab und zu von Gelegenheitschristen den Satz zu hören: „Nein, Herr Pfarrer, am Sonntag gehen wir nicht in die Kir-che. So heilig sind wir nicht.“ - Scheinbar muss man sich doch irgendwie heilig fühlen, um die Schwelle der Kirche zu überwinden. Aber spätes-tens nach dieser Geschichte von Jesus und der Frau mit Dauerblutungen wird klar: Bereits die punktu-elle Begegnung mit Jesus, das Vorbeikommen, bereits das wirkt und hilft. Aus diesem Grund finde ich mehr und mehr, dass dieser Werbeslogan fast etwas Geniales in sich trägt und gut zu uns passt: „Ein bisschen Gott tut gut.“ Wir sind eine Volkskirche und wollen es bleiben. Und dementsprechend ist es erst einmal wichtig, die Eintrittsschwelle für interessierte Außenstehende möglichst niedrig zu halten. Damit verschleu-dern wir die Gnade Liebe nicht. Aber wir sorgen da-für, dass möglichst viele etwas davon abbekom-men. Diese Liebe und Wertschätzung dürfen wir den anderen wirklich gönnen, den Fernstehenden und Randsiedlern.

Das hat ja auch unser bayerisches Kirchenparlament, die Landessynode ganz treffend ausgedrückt, und zwar als einen wichtigen Grundsatz im Rahmen des so genannten PuK-Prozesses. Das ist ein Prozess der inneren Neuausrichtung unseres kirchlichen Angebotes. Die Landessynode sagt: Es ist unsere Aufgabe als Kirche , einen „einfachen Zugang zur Liebe Gottes“ zu schaffen. Einfacher Zugang zur Liebe Gottes. Keine strengen Zugangsvoraussetzungen. Wer selber gleich tiefer einsteigen und intensiver mit dem Evangelium leben möchten, der soll das das natürliche gerne tun, aber wir dürfen das nicht zum allein selig machenden Weg erklären.

Im Übrigen bin ich überzeugt, dass der eine oder die andere dann mehr erfahren möchte, wenn er oder sie im übertragenen Sinne mit dem „Saum des Gewandes“ von Jesus in Berührung gekommen ist und seine wohltuende Wirkung gespürt hat. Anders ausgedrückt: Wer gemerkt hat, wie gut das bisschen Jesus schon tut, der bekommt vielleicht doch Appetit auf mehr …. Aber wichtig ist es, erst einmal wirklich offen zu sein. Und wichtig ist es vor allem, dass wir den, der nur einmal in der Kirche vorbeischauen möchte, auch wieder gehen lassen. Unsere Kirche leidet manchmal unter dem Ruf, dass bei jedem, der nur einmal „ja“ sagt zu einem kirchlichen Angebot und den Kopf in die Kirche hineinstreckt, sofort die Falle zuschnappt und er zum ständigen kirchlichen Mitarbeiter erklärt wird. Stattdessen dürfen wir ganz unbesorgt sein. Wenn unser Angebot wirklich gut tut, und das tut es, weil der dreieinige Gott dahintersteht, dann kommen die Menschen auch und einige werden dann freiwil-lig tiefer einsteigen. Weil Gott einfach gut tut. Weil Jesus heil macht.

Liebe Gemeinde! „Ein bisschen Gott tut gut.“ Ich denke schon, dass wir mit diesem Slogan werben können, weil es von der Sache her stimmt und zu uns als Kirche passt. Wir dürfen dabei ruhig deutlich machen, dass die-ses „Gut-tun“ bei uns mehr ist, als der übliche Wellness-Rummel. Für dieses mehr steht unser Jahrtausende altes Markenzeichen: Das himmlische Dreieck, der drei-einige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Und für dieses Mehr steht auch der Ausspruch von Jesus zu der geheilten Frau in unserem Predigttext: „Dein Glaube hat dich gesund gemacht. Geh’ hin in Frieden.“

Also: Werben wir für unseren Glauben, für Vertrau-en in Jesus Christus, weil wir wissen, dass man dort wirklich gesund werden kann und dass man echten Frieden findet. Und am besten werben wir mit echter Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit. Eine Freundlichkeit, die einlädt, ohne festzuhalten. Eine Freundlichkeit, die Appetit macht auf mehr. Eine Freundlichkeit im Namen Jesu. „Denn ein biss-chen Gott tut gut.“ So unbeschreiblich gut. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.